Dr. Jakob Alemann

Dr. Jakob Alemann (1574-1630)

Warum wir beginnt unsere kleine Reihe von „Kurzbiographien“ gerade mit ihm?

Weil er sich von vielen seiner Vor- und Nachfahren durch politische Weitsicht unterschied? Weil Otto von Guericke, jener weltbekannte Forscher, der für Magdeburg eine ganz besondere Bedeutung hat, seine Tochter heiratete? Weil wir ein Bild von ihm gefunden haben? Sicher ist nur:

Wir wissen wenig über den jungen Mann, der im typischen Ornat des Patriziers seiner Zeit abgebildet ist, mit zierend-einzwängender Halskrause als Zeichen des Dr. jur., mit pelzver­brämtem Umhang über einem reich verziertem Wams; die rechte, ringbesetzte und fein­glie­de­rige Hand scheint mit einem Geldsäckel zu winken, die linke Hand aber umspannt den Knauf eines Degens. Sein Blick ist ruhig, vornehm und wirkt dennoch gewitzt, der Mund unter dem sehr gepflegten Schnurrbart spöttisch verzogen.

Vor ihm auf dem Tisch zeigt ein kleines Büchlein – oder ist es ein versiegeltes Dokument? -, dass der Dargestellte, übrigens mit Ehrenschleife und Orden versehen, zu schreiben versteht; vielleicht ist es aber auch der 1602 ausgestellte Adelsbrief? Der Stich, so die Glo­rio­le, datiert ja von 1604. Soweit die erste Deutung.

Jakob lebte zwischen 1574 und 1630. Seine Eltern waren Hans Moritz Aleman (1545-1607) und Anna Robien (1546-1607). Wie alle Patrizier­söhne, die städtische Ämter übernehmen sollten, studierte Jakob Jura, zunächst in Witten­berg. Er studierte nicht nur ein oder zwei Semester wie manche einer seiner Standesgenossen und besuchte auch weiter entfernte Universitäten: erst Jena und dann Basel, wo er den Doktortitel erwarb.

Er war mit Leib und Seele Jurist. Dafür spricht, dass er nie Mitglied des Rates, sondern gleich Schöffe wurde. 1603 – gerade mal 29 Jahre alt – ist er schon Beisitzer des Schöffenstuhls. Der Stich stammt ja aus dieser Zeit und auf der Umrandung liest man: „JACOBUS ALEMANNUS: IURIUM DOCTOR: SCABIN: MAGDEBURGENSIS ASSESSOR: etc. ANN: CHRISTI 1604“.

Über dem Bild steht das Motto: „SPES MEA CHRISTUS“. Er wird das Gottvertrauen nötig gehabt haben. Denn die Zeiten waren unruhig… und er übernahm das Amt des Kanzlers unter dem Herzog Christian von Braunschweig-Wolfenbüttel (1699-1626). Der Herzog hat ihn wohl beeindruckt, denn er taufte seinen 1622 geborenen Sohn auf den Namen Christian.

Das Bild zeigt den jungen Herrscher am Ende seiner Laufbahn nach dem Verlust seiner Hand immer noch in stolzer Pose des Kriegers für die protestatische Sache. Sein Motto klang – für einen Bischof sicher ungewöhnlich – wie ein Fanal: „Gottes Freund – der Pfaffen Feind“. 1616, gerade einmal 17 Jahre alt, wurde der junge Held Bischof von Halberstadt. Die Kanzlerzeit von Dr. Jakob lag vermutlich irgend­wo zwischen 1616 und 1622. In einer Randnotiz zur Halberstädter Chronik von J.H. Lucanus steht: „Anno 1615. so ist die fürstl. bischöfl. Regie­rung mit folgenden besetzet geworden. Jochim Ernst von Bieren, Subsenior und Dom Herr, Leppoldus von Rößing, Dom Herr bei­de Hof Rahte, Dr. Pauermeister von Kahstadt, Comes Palatin und Cantzler, Dr. Christoph Lüders, Syndicus und Hof Rath, Doctor Jacob Ahlmann Hof Rath, Licentiat Stephan Lakenmacher Major und Hof Raht, Justus Rauch Reverendi capituli secretarius, Christoff Straube vicarius und Bau­meister.“ Dass wir alle Buchstaben der Handschrift, die uns das Halberstädter Stadtarchiv kopiert hat, richtig entziffert haben, ist eher unwahrscheinlich. Aber der Text belegt, dass Dr. Jakob 1615 Hofrat in Halberstadt war.

Dr. Jakobs Dienstherr wurde nach dem „Prager Fenstersturz“ in ganz Deutschland bekannt als Söldnerführer im Kampf gegen die Kaiserlichen Truppen, zuletzt im Bündnis mit dem Dänenkönig Christian IV. Vermutlich endete Jakobs Zeit in Halberstadt, als „der tolle Christian“ sein Leben ganz dem Kriege widmete. 1624 mußte der Herzog als Bischof abdanken. 1628 starb er im Alter von 27 Jahren. Rudolf Huch beschrieb sein Leben in der kurzen Novelle „Der tolle Halberstädter“, die 1925 bei Reclam erschien.

Doch zurück zu Dr. Jakob Alemann. Er heiratete 1602 seine Cousine Katharina Alemann (1582-1607). Katarina starb 1607 an der Pest, vornehm umschrieben „in dem Feste“. Im selben Jahr starben auch Dr. Jakobs Eltern. Die einzige Tochter der beiden heiratete Otto von Guericke. Margaretes Grabstein ist in der Guericke-Gedenkstätte der Johanniskirche zu sehen.

Vielleicht war jener kleine Jakob Alemann, der in Halberstadt beerdigt wurde, Margaretes Bruder. Auf dem Kinderepitaph im Keller der St. Andreas Kirche war leider keine Angabe zu dem Geburts- und Sterbejahr des Kindes zu entziffern. Heute ist der Stein nicht mehr auffindbar.

Jakobs zweite Gattin wurde Katharina Bünemann, Tochter eines Ratskämmerers, der im Geschäft des Großvaters von Katharina seine Karriere als Handelsmann begonnen hatte. Dieser Ehe entstammen die „Stamm­väter“ der beiden Linien, die bis in die Gegen­wart hineinreichen.

Bis zum Ende des 2. Welt­krieges gab es im Familienarchiv Originalschriften und -drucke von Dr. Jakob Alemann.

Seine Ausarbeitung zum Wahlkönigtum behandelte ein für den Dreißig­jährigen Krieg nicht unwichtiges Problem: der Kon­flikt ent­zün­dete sich ja an der Königswahl der böhmischen Stände. Auch als Assessor des Magdeburger Schöffengerichts hinterließ Jakob Alemann Spuren. Überliefert ist ein Gutachten zum Münzrecht, dass er für den Bürgermeister Johann Martin anfertigte. 1618 übergab er dem Rat die Schrift „de jure monetae“. Auch sie lag im Familienarchiv. Das Gutachten stand offensichtlich im Zusammenhang mit den unterschwelligen sozialen Konflikten, die 1622 im Aufstand „Wipper und Kipper“ offen ausbrachen.

Alle Originale sind jetzt verloren und wir müssen uns mit dem begnügen, was abgeschrieben wurde. Eines kann man aber wohl sagen: Jakob war kein Lokalpolitiker wie seine Eltern und Verwandten. Er kannte mehr als die Altstadt Magdeburg. Irgendwie steht er auch am Ende einer großen Tradition, deren Höhepunkt in seiner Jugendzeit erreicht und überschritten wurde.

In der jüngsten „Geschichte der Stadt“ (Magdeburg – Geschichte der Stadt 805-2005, S. 384) berichtet Dr. Ditmar Schneider vom Briefverkehr des Obersten Falkenberg mit dem schwedischen Hof. Dort taucht Dr. Jakob Alemann kurz vor seinem Tod (15.12.1630) noch einmal auf als Ansprechpartner Falkenbergs bei dem gelungenen Versuch, die gut kaiserlichen auf die schwedische Seite herüberzuziehen. Wenn das zutrifft, dann hätten der Familiensenior der damaligen Zeit eine andere Position eingenommen als sein 20 Jahre jüngerer Cousin und Schwager Johann Alemann.

Zwischen 1575 und 1617 war Jakobs Vater Hans Moritz Alemann, gemeinsam mit seinem Schwiegervater Johann Martin Alemann zunächst Kämmerer, dann Bürgermeister, schließlich Schöffe und Schultheiß. Nicht nur das: Als Dritten im Bunde fand man auch Caspar Alemann (1550 – 1610), den Sohn Ebe­ling Alemann, bekannt als Kom­mandanten der städtischen Trup­pen während der Belage­rung von 1550/51. Die drei Alemanns teilten sich in Vetternwirtschaft par excel­len­ce die Macht­positionen der Stadt.

Die Söhne konnten diese „Tradition“ nicht weiterführen. Jakobs agierte als Jurist und Mini­ste­ria­ler wohl eher über den Niederun­gen des Alltags. Johann dagegen übernahm den gefährlichen und dra­matischen Part des Bösewichts der Magdeburger Politik. Beide gehörten zu der Generation, in der die Patrizier ihre alte Stellung aufgeben mussten.

So hat der Gedenkstein, den Jakob Alemann seinen Eltern widmete, eine doppelte Bedeutung. Er wird sich bei den Vorbereitungen zu seiner Herstellung an seine erste Frau erinnert haben. Sie starb im gleichen Jahr vielleicht an der gleichen Krankheit, der Pest. Und er wird an den unangefochtene Stellung und Achtung gedacht haben, die seinen Eltern damals zukam.

Man findet den Stein heute mehrere Meter hoch an der Vorderfront der Johanniskirche links neben dem Hauptportal.

Er ist stark verwittert und zerstört.

Sein Text wurde aber überliefert:

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Johannes Alemannus, Mauricii filius reipub. Magdeb. Consul, demum praetor una cum liberis,

affinibus et cognatis hic recubans gloriosum Christi Salvatoris Advetum expectat,

placide in Domino defunctus 6. Decemb. A. 1607

Anna Rubina, Alemanni conjux 9. Sept. Anno Christi 1607 pie obiit.

Parentibus suavissimis atque optome meritis memoriale hoc poni curabat

filius seniorJacobus Alemannus J.U. Doctor,Scabin. Magdeb. Assesor.

(Johann Alemann, Sohn von Moritz, Bürgermeister von Magdeburg,

zuletzt Schultheiß – hier ruhend vereint mit Kindern, Freunden und Verwandten – erwartet die Ankunft des Erlösers Christus,

starb sanft im Herrn am 6. Dezember 1607

Anna Rubin, des Alemann´ Gattin, starb sanft 9. September a.C. 1607.

Den liebevollsten und bestverdienten Eltern ließ diesen Denkstein setzen

der ältere Sohn Jakob Alemann J.U. Doktor, des Magdeburger Schöffenstuhls Beisitzer.)