Heine Alemann

Bürgermeister Heine Alemann

Heine Alemann (1420-1499)

Heine Alemann wurde vielleicht um 1420 herum geboren und der starb in hohem Alter am 12. März 1499.

1447 fand man ihn als Student in Leipzig. Mit seinem älteren Bruder Heinrich Alemann (1425-1506) verband ihn langjährige gemeinsame politische Karriere. Der Vater Heinrich Alemann (ca. 1395-1464) war 1433 Bürgermeister und ab 1438 Schöffe. Die Mutter Helene Bilring hatte einen Bruder, Hans Bilring, der mit ihrem Ehemann zusammen im Schöffen­gericht saß. In der ersten Hälfte des 15. Jahrhundert war Vater Heinrich der einzige Alemann-Bürgermeister. Der Rat wurde in der Zeit von 1385 bis 1472 von den Familien Keller und Müller dominierten, neben denen es zahlreichen andere herausragende Bürgermeistern gab:

Rolf, Lüdecke und Gerecke Keller (1384-1472)
Heidecke und Heinrich Müller (1415 und 1474)
Werner Fewerhake (1401-1419),
Arndt Jordans (der ältere: 1408-1422,der Jüngere: 1422-1448),
Heise Rulfs (1423-1463),
Claus Klumpsilber (1408-1421)
und andere

Vom älteren Arndt Jordans berichtet die Schöffenchronik, daß er vom Bürgermeisterkollegen Hans von Schore 1445 in die Neustadt vertrieben wurde, weil sich der Erzbischof über ihn als Oberster der städtischen Truppen beschwert hatte (Schöffenchronik S. 384, Wolter Mdbg. S. 68). Hans Schartow, Klaus Klumpsilber, Ciriax von Burg und Heinrich Hasse werden rwähnt als Verantwortliche für den Bau eine steinerne Elbbrücke anstelle der alten, die durch ein Hochwasser zerstört war (Wolter, Mdbg. S. 67).

Besonders auffällig ist in dieser Zeit die Anzahl der Amtsinhaber aus den Familien Alemann und Keller. Im das Bürgermeisteramt lösen sie einander geradezu vollständig ab, im Schöffenamt sitzen nahezu durchgehend beide Familien.

1385 übergab der Großvater Heine Alemann nach 22 Jahren im Amt das Bürgermeisteramt seinem Schwager Rulf vom Kellere für die nächsten 20 Jahre (bis 1405). Jeweils ein halbes Jahr leiteten sie 1385 den Rat, zunächst Heine Alemann und dann als 2. Bürgermeister Rudolf Keller. Heines Bruder Hans Alemann war mit Rudolf Kellers Schwester verheiratet. Rudolf Kellers Frau Adelheid Dodeleben war eine Tochter von Heines Schwiegervater Gode Korling, der mit Hans Alemann gemeinsam im Schöffenstuhl saß.

So war das in Magdeburger Ratskreisen.

Mit Großvater Heinrich Alemanns Urenkeln Heinrich (ca. 1425-1506) und Heine Alemann (ca. 1420-1499) beginnt erneut eine Kette von Alemann-Bürgermeistern. Heine war 5 mal Kämmerer (1458-1474 ), 8 mal Bürgermeister (1477-1495 ) und schließlich bis zu seinem Lebensende Schultheiß (1495-1499 ), sein Bruder Heinrich 1 mal Kämmerer (1479) und bis zu seinem Tode 9 mal Bürgermeister (1483-1506). Heine Alemann übernahm sein erstes Bürgermeisteramt drei Jahre nach Gerecke vom Kellere, der 1475 regierender Bürgermeister war und im Jahre 1577 vermutlich aus dem alten Rate ausschied. Die Familienbande aber hielten: denn der Urenkel Heinrich Alemann heiratete Katharina vom Kellere und so schloß sich den Familienkreis wieder.

Heine Alemann wurde vor seinem Tode der erste uns bekannte Schultheiß in seiner Familie.

In den von Hertel veröffentlichten Anlagen zur Schöffenchronik heißt es dazu: „Anno 1495 wardt Heyne Alman tho der tydt Bürgermeister von der gemeinheitt wegen, eyn olt man, thom Schulten gekorn, lieth dem Rade Anno 1499 Dingsdages nach Francisci (8. Oktober) widder dangken durch Hanse Alman, Bürgermeister, synen Szon, Johan und Hans Alman Schepen, als he unmacht haluen in egener person vor dem sittenden Radt nicht kommen konde.“ Mein Übersetzungsversuch: „Im Jahre 1495 wurde Heyne Alemann, zu dieser Zeit Bürgermeister als alter Mann von der Bürgerschaft zum Schulzen gekoren, er ließ dem Rat im Jahre 1499 Dienstags nach Franziskus (am 8. Oktober) seinen Dank ausrichten durch Hans Alemann, Bürgermeister, seinen Sohn, Johann und Hans Alemann, Schöffen, als er einer Ohnmacht halber (?) nicht selbst vor dem regierenden Rat erscheinen konnte.“

Bürgermeister der Familien Alemann und Keller im 15. Jhr.

von Name Funktion
1373 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1376 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1382 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1385 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1385 Rulf vom Kellere 2. Bürgermeister
1388 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1391 Rulff von Kellere 1. Bürgermeister
1394 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1397 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1400 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1405 Rulf von Keller 1. Bürgermeister
1412 Lüde von Keller 1. Bürgermeister
1415 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1419 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1422 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1429 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1432 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1433 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1441 Lüdecke Keller 2. Bürgermeister
1444 Lüdecke Keller 2. Bürgermeister
1446 Gericke Keller 1. Bürgermeister
1451 Lüdeke Keller 1. Bürgermeister
1452 Gereke von Keller 2. Bürgermeister
1454 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1455 Gerike Keller 1. Bürgermeister
1458 Gereke von Keller 1. Bürgermeister
1466 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1469 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1472 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1477 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1480 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1482 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1483 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1485 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1486 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1488 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1489 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1491 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1492 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1494 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1495 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1497 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1498 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1500 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1501 Hans Alemann 1. Bürgermeister
1503 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1504 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1505 Ludewig Aleman 2. Bürgermeister
1507 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1508 Ludewig Aleman 2. Bürgermeister

Schöffen der Familien Alemann und Keller im 15. Jhr.

von bis Name Funktion
1371 1375 Hans von Kellere Schöffe
1388 1393 Heyn Alman Schöffe
1393 1432 Hans Alemann Schöffe
1422 1438 Ludeke vom Kellere der junge Schöffe
1438 1451 Hinrik Alman Schöffe
1464 1478 Ludeke vom Kellere Schöffe
1464 1478 Ludeke Alman Schöffe
1477 1516 Hans Alman Schöffe
1478 1516 Johan Alman Schöffe
1478 1516 Bartholomeus vom Kellere Schöffe

Es lohnt sich, einen Blick auf die politischen Ereignisse des Jahrhunderts vor 1477 zu werfen, zurück bis hin zu der Zeit, in der das Portrait des Großvaters Heinrich Alemann abbricht.

Nach den heftigen Wirren um kurzlebige Erzbischöfen, die Kaiser und Papst gegen den Willen des Domkapitels einsetzten, gab es jetzt eine geradezu  überwältigende Kontinuität auf dem Erzbischofsstuhl.  Nicht nur, daß Kaiser und Papst die Vorschläge des Domkapitels akzeptierten, auch die Amtszeiten der Fürstbischöfe rechneten sich in Jahrzehnten:

Magdeburger Erzbischöfe im 15. Jhr

1383-1403 20 Jahre Erzbischof Albert IV (von Querfurt)
1403-1445 42 Jahre Erzbischof Günter II (von Schwarzenburg)
1445-1464 19 Jahre Erzbischof Friedrich III (von Beichlingen)
1465-1476 11 Jahre Erzbischof Johann (von Baiern)
1476-1513 37 Jahre Erzbischof Ernst (von Sachsen)

Doch keiner dieser Erzbischöfe war ein Kleriker wie der Sohn eines Stendaler Tuchmachers (Dietrich Portitz, 1361-1367), der nach seiner Karriere als Kleriker und Fürstenberater zum Erzbischof berufen wurde. Nur noch die Söhne der Fürstenhäuser hatten eine Chance. Vielleicht erklärt sich die neue Kontinuität in der Kandidatenauswahl aus der wachsenden Macht und Stabilität der Territorialgewalten und aus ihrer Fähigkeit, den Landadel über die Landstände an sich zu binden.

Die Zeiten waren jedenfalls nicht ruhiger, es gab fortwährend schwere außen- und innenpolitische Konflikte.

1384 – als Wenzel der Faule, der Sohn des verstorbenen Kaisers Karl IV, die Regierung übernommen und den Magdeburger Erzbischof Albert zu seinem Kanzler gemacht hatte – erhielt dieser das Recht, Landrichter im Reiche zur Durchsetzung des Landfriedens (nach westfälischem Recht) einzusetzen.

Es liegt auf der Hand, daß auch die Städte eingebunden werden sollten, für den Fürsten des Erzstiftes Magdeburg so natürlich an erster Stelle „seine“ Städte. Doch Magdeburg weigerte sich:

„… unde de borgere von Magdeborch worden mannigerlei wis mit listen und mit drawe geeschet, dat se den lantvrede scholden loven und schweren, aber se wolden des nicht don, umme den willen dat on duchte dat vele Stucke in dem landvrede werden wedder dat gemeine Sassenrecht und ok wedder das stad recht. (Schöffenchronik S. 288)“

 Mein Übersetzungsversuch: “ … und die Bürger von Magdeburg wurden mit mancherlei List und Drohung gedrängt, den Landfrieden zu geloben und zu beschwören, aber sie wollten das nicht tun, weil sie dachten, daß viele Teile des Landfriedens dem allgemeinen Sachsenrecht (vermutlich der Sachsenspiegel) und auch dem althergebrachten Stadtrecht widersprachen.“.

1385 erließ der Landrichter gegen die Stadt, die den Erzbischof im Kampf gegen Raubritter unterstützt hatte, eine Geldstrafe und der Stadtherr versuchte, den Rat zum Schwur auf den Landfrieden zu zwingen, indem er die Rückerstattung dieser Strafe vom Schwur abhängig machte. Der Magistrat lehnte das ab und andere Städte Sachsens schlossen an.  Heine Alemann und Rudolf Keller werden als die 1385 regierenden Bürgermeister die Weichen für diese Politik gestellt haben.

So scheiterte die Initiative für einen allumfassenden Landfrieden scheiterte schon 1397. Dennoch zeigt sich in den aufstrebenden fürstlichen Territorial­gewalten die Kraft des heranwachsenden Staatwesens der Neuzeit. Die Städte reagierten darauf mit Bündnissen, insbesondere mit ihrer Organisation in der Hanse. Diese wuchs für fast zwei Jahrhunderte zu einer mächtigen Kraft heran.

Schwieriger als die äußeren Konflikte bedrückten die Probleme des Alltags das Stadtleben.

Nicht nur die Pest raste mit scharfer Sense immer wieder durch Häuser und Strassen, die Wut über die Geldentwer­tung, die von der kurzsichtigen Münzpolitik der Erzbischöfe zwischen 1400 und 1430 hervorgerufen wurde, schwelte lange in Untergrund, bis sie um 1400 in hellen Flammen auf den Plätzen der Stadt aufloderte. Denn schlimmer als die Wut waren Not und Hunger, die aus dem künstlich herbeigeführten Geldmangel entstanden. Möglich war dies, weil die Pfennige jährlich zweimal neu geprägt wurden und von den Städtern in der Münze umgetauscht werden mußten. Das war natürlich eine große Verlockung, auf diesem Wege die klamme Bischofskasse zu füllen. 1399 ließ der Erzbischof Albrecht IV wieder einmal (wie schon 1390) den Gehalt an Edelmetall in den Münzen für den alltäglichen Gebrauch verringern, er verdoppelte dadurch die Pachten und Mieten.

Das rief unter den Bürgern helle Empörung hervor. Der Rat entzog den Domherren seinen Schutz und öffnete damit dien Schleusen der Volswut, die Domherren flohen schleunigst aus der Stadt. Der Domprobst untersagte jedoch im Gegenzug den Bauern, Magdeburger Vieh auf Sommerweide zu nehmen und er störte Fährbetrieb und Fischerei. 1401 flohen auch die Münzer aus der alten Münze gegenüber dem Rathaus auf dem alten Markt. Doch die neuen Münzen blieben im Verkehr. Die Not traf vor allem die Pfennigbenutzer, einfache Leute, die vom Kleinhandel und vom Gewerbe lebten, und deren Kundschaft.

Am 14. September 1402 versammelte sich dieser „Pöbel“, wie die Historiker des 19. Jahrhunderts sich auszudrücken pflegten, geführt von den kleinen Innungen der Beckenschlägern, Schmiede und Knochenhauer. Aber auch die Schuhmacher und Kürschner, die zu den fünf im Rate herrschenden Innungen gehörten, mischten sich unter das Volk, das  durch Bürger der Vorstädte verstärkt wurde. Die Altstädter hatten ihnen die Tore geöffnet.

Die Menge stürmte das Rathaus, setzte den Rat ab, drang in die Domfreiheit ein und ver­wü­ste­te dort die Domherrenkurien und die Klöster. Wie immer in vielen dieser Situationen spielten die Innungen eine Doppelrolle, denn die Anarchie in der Stadt hatte ihre feste innere Struktur: Am nächsten Tag wurden alle Bürger auf den alten Markt befohlen, und dort wurde einen neuer Rat gewählt und man setzte die alten Währungsrela­tionen wieder in Kraft „bis die Pfennige eine feste und dauerhafte Geltung besitzen“.

Wirtschaftlich kam das die Stadt teuer zu stehen, da ja um die Stadt herum die Preise des Erzbischof weiter galten. Das traf jedoch wohl eher reiche Bürger und den Handel, der die Stadtgrenzen überschritt. Die Konfrontation von Altstadt und Umland wurde durch aber verschäft. Im folgenden Jahr eskalierte er bis in die Nähe eines offenen Krieges. Erzbischof Albrecht erklärte die Stadt, die sich notwendige Lebensmittel mit Gewalt holte, für ehr- und rechtlos. Doch im Februar vermittelte Albrechts Nachfolger Günter von Schwarzberg einen Frieden, den der Rat annehmen musste, obwohl er sehr teuer war.

Unter dem neuen Erzbischof ging es nicht besser, als unter dem vorherigen. Die Landstände organisierten sich immer deutlicher im Domkapitel. Sie beanspruchten schließlich im Schulterschluß mit den Landesfürsten ganz offen die Macht auch über die Städte.

Neben Kurien des Domkapitels und der Klöster findet man in der Domfreiheit auch viele Adelshöfe, wo nicht nur der Handel mit Agrarprodukten, sondern auch die Lobbypolitik ihre Zuhause gehabt haben wird. Auch die reichen Stadtbürger  und der Magistrat selbst war durch Lehnsverhältnisse an die Fürsten und den Landadel in vielerlei Hinsicht gebunden. So war die Stadtpolitik nie ganz eindeutig und glich nicht selten eher einem Eiertanz.

Erzbischof Günter führte mit Unterstützung der Stadt einige Kriegszüge gegen Raubnester auf dem Lande, bekräftigte aber zugleich seinen Ansprüche als Stadtherr, der – gegen alle alten Abkommen  – sein Amt selbstbewusst ausfüllen will. Im seinem ganzen Verhalten erinnerte er kaum noch an einen Kirchenmann: „Hatte schon sein Vorgänger als Wort- und Eidbrecher, als Schuldenpreller und Frauenheld schon nicht das Vorbild eines Landesherren und Kirchenhirten gegeben, so übertraf ihn Günther noch. Theologisch nicht vorgebildet, lehnte der Jüngling es zunächst sogar ab, sich von seiner Lockenpracht zu trennen. Als Erzbischof vernachlässigte er gänzlich seine geistlichen Pflichten, hielt mehr als drei Jahrzehnte lang nicht eine einzige Messe und wohnte fast immer in aufwendiger weltlicher Tracht den Gottesdiensten bei. Unsummen gab es aus für Gelage, Tanzfest und Jagden.“ (Asmus, S. 374)

Diese deftige Schilderung gibt einen Vorgeschmack ist sicher nicht ganz unzutreffend. Sie erlaubt auch einen Einblick in die Motive der Unterstützer der Reformation, die ja schon mit Johann Hus begann, der gerade hingerichtet worden war. 1420 starb Jakob Kremer, ein hussitischer Prediger, in Magdeburg auf dem Scheiterhaufen.

Auch rund um Magdeburg gab es in den Städten zu dieser Zeit viele Unruhen.

Die Hansetage mußten sich verstärkt mit ihnen befassen und die verbündeten Städte hatten einander viel Unterstützung zu leisten. 1424 mußte ein Aufstand in Halberstadt geschlichtet werden. 1427 griff die Hanse auch in Halle ein.

Das war die Stimmung in der Stadt, als Heine und Heinrich das Licht der Welt erblickten.

In den hussitische Kriegen kämpfte die Stadt bis zum Jahre 1431 auf der Seite der kaiser­lichen Truppen. In Nürnberg bestätigte der Kaiser Sigismund – offensichtlich in einem recht guten Einvernehmen mit der Stadt – einer Delegation des Altstadtrates (Hans Wennemar, Heinrich Alemann, Johann Jordan) alle alten Rechte. Doch im gleichen Jahr wendete sich der Wind. Scheinbar ohne Grund verließ das Domkapitel mit all seiner Habe plötzlich die Stadt. Offensichtlich plante es einen neuen Angriff auf die Rechte der Altstadt, der Erzbischof erklärte dann auch Anfang 1432 der Stadt ganz offen den Krieg. Zunächst suchte der Rat noch nach Vermittlern. Doch zugleich bereitete die Altstadt energisch auf einen Waffengang vor. Bürgermeister Arndt Jordans, onn dessen Vertreibung aus der Altstadt oben berichtet wurde, war hier besonders aktiv. 1433 – Großvater Heinrich Alemann war Bürgermeister – bannte Erzbischof Günter die Stadt. Er hatte sich aber verrechnet. Im Bündnis mit den sächischen Hansestädte fügte die Altstadt ihm rund um Magdeburg Niederlage um Niederlage zu. Seine Schlösser und Festungen fielen seinen Gegnern in die Hände. Der Erzbischof musste beim Kaiser und bei den Reichsgerichten in Basel Hilfe suchen und von dort kamen dann auch günstige Signale.

Bis 1434 konnte aber in Abwesenheit von Erzbischof und Domkapitel die Stadtmauer in der Domfreiheit neu befestigt, die Herrenpforte des Domkapitels geschlossen und eine hoher Turm an der Mauer hinter dem Palast des Erzbischof errichtet werden.

In dem Vergleich, der diesen Krieg abschloß, als beiden Seiten das Geld ausging, erwarb die Stadt schließlich die volle Befestigungshoheit. Sie mußte dem Erzbischof und dem Domkapitel nur noch die freie Ein- und Ausfahrt durch die Herrenpforte gestatten und zusichern. Die Kontrolle lag fest aber in der Hand des Rates. Die Amtszeit Günthers endete – nach all diesen Kriegen und Niederlagen – unglücklich mit einer Stärkung der Stadtrechte und einem gigantischen Schuldenberg für den Erzbischof.

Es heißt, dass Günter auf seine letzten Tage sich seiner geistlichen Pflichten besann und für seinen Nachfolger Vorkehrungen traf, die man so eigentlich nicht erwarten durfte. Sein Nachfolger war zwar ebenfalls ein Laie. Friedrich von Beichlingen fehlte – wie es heißt – jede Ausbildung, insbesondere die in den Wissenschaften und der Theologie. Aber er war im Unterschied zu Günther ein religiös gesinnter Mann und führte ein eher asketisches Leben.

Erzbischof Günther bestimmte ihn auf dem Sterbebett zum seinem Nachfolger und das Domkapitel, der Kaiser und auch der Papst folgten seinem Beschluß. Friedrich machte den Domprediger Heinrich Tocke zu seinem Lehrer und Berater und brachte ernsthafte Reformen des Kirchen- und Klosterlebens auf den Weg. In diese Zeit fällt die Jugend von Heinrich und Heine Alemann. 1447 studierten beide, Heine eine Leipzig, Heinrich andere in Erfurt.

1455 findet man Heine Alemann im Rat, der gemeinsam mit den Schöffen die Kirchenreform energisch unterstützt. Zusammen mit Erzbischof und Domprediger forderten sie die Klöster auf, sich an ihre alten Regel zu halten. Der Widerstand war groß. 1456 stellte der aus Nürnberg herbeigerufene Reformator im Beisein beider Bürgermeister, einiger Ratsmänner und aller Schöffen die Mönche des Paulinerklosters vor die Wahl, das Kloster zu verlassen oder sich den alten Regeln des Ordensleben wieder zu unterwerfen, es  blieben lediglich 9 Dominikaner – darunter der Prior. 18 Mönche aus Nürnberg ersetzten diejenigen, die Stadt und Kloster verlassen mußten. Die Franziskaner griffen, als sie vor die gleiche Frage gestgellt wurden, sogar zu den Waffen.

So bewirkte der Laienbischof zusammen mit dem ernergischen Domprediger Heinrich Tocke einiges. Von Tocke ist der Satz überliefert: „Der Papst ist ein Sohn der Kirche, also muß er der Kirche gehorchen. Daß der Papst von niemandem gerichtet werden könne, … scheint falsch zu sein.“ (Asmus, S. 385). Diese Fragen wurden zu dieser Zeit auch auf einem großen Konzil in Basel diskutiert. In diese Zeit fällt auch die Anwesenheit von Nicolaus von Kues in Magdeburg, der einen eigenen Artikel wert ist. Mit dem Kardinal Nicolaus von Kues, der dem Baseler Konzil seine „Concordantia catholica“ und dem Kaiser eine Reichsreform mit jährlicher Reichsversammlung, klarer Gerichts- und Verwaltungsorganisation vorschlug, der zugleich – wie kein anderer in der Philisophie – neben Descartes an der Schwelle zur Neuzeit steht (Blumenberg, Nolaner und Cusaner) stoßen wir auf den drängensten Weltkonflikt der damaligen Zeit: die „Türkengefahr“ und auf den Versuch, Kräften und Gelder für einen Krieg gegen diese zu sammeln, denn dies war der eigentliche Zweck der Deutschlandreise des Kardinals im Jahr 1451. Zunächst ging es nur um eine Initiative des Papstes, also um einen Kreuzzug alten Stils.

1453 predigte dann der Franziskaner Capestrano acht Tage lang auf dem Alten Markt gegen Sittenverfall und für den Kreuzzug gegen die Türken – er schürte auch den Judenhaß und verursachte – wie schon oft zuvor – neue Progrome. Auch Nikolaus von Kues predigte gegen die Juden. Er forderte, das sie als Juden an der Kleidung kenntlich gemacht werden sollten. Während Capestrano ihnen gleich ganz das Wohn- und Schutzrecht nehmen wollte. (Asmus, s. 408ff). Immerhin konnte der Mönch Mitstreiter für den Kreuzzug gewinnen, mit denen er 1456 vor Belgrad die Türken eine schwere Niederlage zufügen konnte. (Hertel/Hülße, S.233, Anm. 1). 1478 erreichten die türkischen Truppen dennoch Kärnten und damit musste auch der Kaiser aktiv werden. 1480 wurde die Aufstellung eines Reichsheeres beschlossen.

Inzwischen war dem Laienbischof Friedrich als Erzbischof der Wittelsbacher Johann von Baiern gefolgt. Dieser war im Vergleich zu seinen Vorgängern ungewöhnlich gebildet, er hatte in Bologna studiert und war zuvor zudem Bischof von Münster. Seine Amtzeit war relativ kurz. Ihm folgte 1476 aber ein ganz besonderer Laie, ein 12-jähriger Knabe, der als Erzbischof Ernst von Sachsen erst ab 1489 mit 25 Jahren sein Amt selbst ausüben konnte.

Bis dahin war er lediglich Administrator des Erzstiftes und für ihn betrieben die sächsischen Fürsten zusammen mit dem Domkapitel eine konsequente Familien- und Standespolitik gegen die Städte. Nicht zufällig häuften sich die Konflikte zwischen Altstadt und Domfreiheit gerade in diesen Jahren zwischen 1476 und 1489. Ernst von Sachsen starb 1513 im Alter von 50 Jahren schon ganz dicht an der Reformation. Sein Bruder war Friedrich der Weise, der als Beschützer Luthers eine Schlüsselrolle in dieser Zeit übernahm als Gegenspieler des Papstes und Kaisers und auch es Nachfolgers von Erzbischof Ernst, dessen Ablasskampagne Luther seine Thesen formulieren ließ.

Heine Alemann stand von 1455 bis 1499 im Zentrum dieser Konflikte, soweit sie sich in Magdeburg widerspiegelten. Sein Bruder Heinrich lebte ein paar Jahre länger bis 1506. Und Heines einziger bekannter Sohn Hans übernahm in diesem Jahren die Stelle des Vaters an der Seite des Onkels.

Es wäre ganz falsch, in diesen Auseinandersetzungen nur ein lokales oder ein rein deutsches Phänomen zu sehen. Im der Weltgeschichte der damaligen Zeit fällt der Blick schnell auf eine untergehende Feudalität, die im Lehnswesen und Ritterschaft gründete, und auf einen sich auch im allgemeinen Bewusstsein ausbildenden Globus, eine immer näher rückende „Neue Welt“, und ganz praktisch – neben allen Entdeckungen und Eroberungen – auf die Entstehung von Handelsimperien. Die Erde wurde zum schrumpfenden Ball in einem wachsenden Universum, in dem die ehemals weltbeherrschenden Mächte wie Papst und Kaiser gleich Sternschnuppen zu verglühen drohten. Wie eine gerade Linie schließt sich die damals moderne, von Großkaufleuten und merkantil denkenden Fürsten forcierte Politik der Vereinigung der Kräfte von Stadt und Land an die alten Bürgerburgen der Fernhändler neben ihren Hauptmärkten – den Fürsten- und Bischofssitzen. Volkswirtschaften und Nationalstaaten übernahmen zunehmend die Rolle der europäischen Städte des 11. –13. Jahrhunderts, die ja ihre Macht niemals als ihrer Eigenschaft als Herrschersitz, sondern immer als Geld-, Handels- und Handwerkszentren gewonnen haben. In Venedig, Florenz, Antwerpen, Brüssel und Augsburg begannen Kaufleute, die Könige, Kaiser und Päpste zu finanzieren und das Denken einer kühl kalkulierenden kommerziellen Vernunft zu unterwerfen. Schon seit der Jahrtau­send­wende drangen arabischen Zahlen gemeinsam mit der revolutionären Null aus den warmen Gegenden Arabiens über Sizilien und Spanien in die europä­ischen Urwälder vor und sie entzweiten die Klöster und hefteten sich an die Fersen der Kauf­leute und Bettelmönche, die als Professoren die Universitäten der schnell wachsenden Städte begründeten.

Im Schatten der neuen Kräfte spielten die Innungen, Gilden und Zünfte, die Städtebünde und die Hanse weiter ihre mittelalterlichen Rollen. Im Schutz ihrer Privilegien und Monopole sammelte ein neuer Stand seine Kräfte. Unter dem Schutz des Kaufsmannskapitals entstand unter den Namen „Bürger“ als Kind des freien gewerbetreibenden Stadtbürgers das Doppelwesen von bourgeois und citoyen.  Mitten hinein in diese brodelnde Zeit fällt der Beginn der politischen Laufbahn der Brüder Heine und Heinrich Alemann.

Da beide in einem engen Zusammenhang zu behandeln sind, soll hier der Bericht über  Heine Alemann abgebrochen werden, um im Rahmen der Geschichte seines Bruders weitererzählt zu werden.