Heinrich Alemann

Das 15. Jahrhundert: concordia magna

Heinrich Alemann (1425-1506)

Heinrich Alemann wurde vielleicht um 1425 herum geboren und starb in hohem Alter am 14. Februar 1506. 1447 war er wie sein Bruder Heine Student – vermutlich jedoch in Erfurt und nicht wie Heine in Leipzig. Beide waren damals im besten Mannesalter zwischen 20 und 30 Jahren.

Von Heine Alemann kennen wir nur einen Sohn: Hans Alemann; einer der Söhne von Hans Alemann, ebenfalls ein Heine (1494-1554) wurde dann der bekannteste Alemann-Bürgermeister und dieser hatte enge verwandtschaftliche Beziehungen zur prostestantischen Geistlichkeit aufgebaut, insbesondere über seine Tochter Elisabeth, die den ersten evangelischen Superintendenten Magdeburgs heiratete: Nicolaus von Amsdorf.

Heinrich Alemanns (1425-156) Ehefrau ist bekannt: um 1460 heiratete er die vermutlich wesentlich jüngere Katharina vom Kellere (geb. ca. 1440). Sieben Kinder aus dieser Ehe sind noch bekannt. Darunter Ludwig (1468-1543) und Ebeling (1483-1552), die hier eigene Portraits bekommen. Heinrich wohnte im Hause seines Großvaters am Johanniskirchhof, dem Artushof (Johannisbergstrasse 3), also unmittelbar am Schauplatz der städtischen Politik dicht am Alten Markt zwischen Ratskirche und Rathaus.

Auf dem Alten Markt hörte seine Söhne 1453 die Predigten des Franziskaners Kapistrano für einen Kreuzzug gegen die Türken und einer, Hans Alemann (????-1515) ließ sich begeistern und folgte dem Aufruf. Es ist nicht überliefert, was Eltern und Brüder ihm mit auf dem Weg gaben! Jedenfalls kämpfte er bis 1464 auf dem Balkan, zuletzt als Hauptmann. Ein Cousin (Ludwig Alemann) soll es ihm gleich getan haben und nach dem Sieg über die Türken bei Belgrad sogar zum Kommandeur aufgestiegen sein, so der militärbegeisterte kuk-General Eberhard von Alemann in seiner Familiengeschichte aus dem Jahre 1912. 1464 geriet Hans Alemann, der Hauptmann geworden war, in türkische Gefangenschaft. Erst 8 Jahre später – also gegen 1472 – kauften ihn seine Brüder frei. 1477 wurde er dann Schöffe und übt das Amt mindestens bis 1499, vielleicht bis 1415 aus. In einem Brief des Erzbischofs Ernst von Sachsen an den Rat wird er „den eldisten unter den schöpffen“ genannt. Der Brief enthält eine Beschwerde über den Bürgermeister Hans Alemann, Heines Sohn und Nachfolger. Aber vielleicht ist mit dem ältesten Schöffen auch der Schöffe Johann Alemann gemeint, denn Johann und Hans werden oft gleich gesetzt. Beide – Bürgermeister und Schöffe (Hans oder Johann) – hatten Domkapitel und Bischof hart beschimpft und ihren Unmut über den – von Bruder, bzw. Vater ausgehandelten – Vertrag von 1497 sehr deutlich geäußert. Mit den Worte des Erzbischofs: „… von denen wir und die unseren unsere Ehre und Ansehen (glimpff) auf höchste berührend mit solcher Schäh und Beschimpfung (injurien) belästigt wurden …“(UB S. 454). Der alte Hans Alemann blieb möglicherweise bis zu seinem Tode (zwischen 1507 und 1515) im Schöffenamt.

Das Leben seiner Brüder Heine verlief bodenständiger als der ihres Bruders Hans, dem Hauptmann aus Kapistranos Kreuzzug: 1458 begann Heine eine Karriere als Kämmerer, 1479 wurde Heinrich Kämmerer – der Bruder wurde Bürgermeister. Schon in der nächsten Amtsperiode übernahm Heinrich Alemann das Amt des 2. Bürgermeisters für jene Zeit, immer im Jahr bevor sein Bruder 1. Bürgermeisters im regierenden Rat war. 1495 übernahm dann Heines Sohn Hans (1493 Kämmerer, 1495-1507 Bürgermeister) die Position des Vaters, als dieser Schultheiß wurde.

Natürlich hatten alle eine gewisse juristische und theologische Ausbildung, zumindest für ein oder zwei Semester mußten sie studieren und wohl oft erst im reifen Alter. Wichtiger waren aber sicher die Erfahrungen und Beziehungen von Eltern und Verwandten – insbesondere aber deren Kopialbücher, in die sie alle wichtigen Dokumente und Ereignisse zur eigenen Verwendung abschrieben.

Nur einer der Alemannsprößlinge der damaligen Zeit – der Schöffe Johann Alemann – besaß einen akademischen Grad und muß daher wirklich sorgfältig studiert haben. Er wird meist Baccalaurus, manchmal auch Doktor der Rechte genannt.

In dieser Zeit saßen also zwei Ale­männer im Schöffengericht, zwei bis drei besetzten führende Ratsämter und zeitweise war auch das Schultheißenamt in ihrer Hand. Bei zwölf Schöffen, einem Schultheiß und 18 Ratsämtern im regierenden, alten und oberalten Rat (2*3+4*3) muß die Präsenz der Familie in der Stadtpolitik massiv spürbar gewesen sein.

Ratsämter der Familie Alemann 1456-1515

Jahr Schöffe Kämmerer Bürgermeister Schultheiß
1456 Heinrich Alemann
1457 Heinrich Alemann
1458 Heinrich Alemann Heine Alemann
1459 Heinrich Alemann Ludwig Alemann
1460 Heinrich Alemann
1462 Ludwig Alemann
1464 Ludwig Alemann
1465 Ludwig Alemann Heine Alemann
1466 Ludwig Alemann
1467 Ludwig Alemann
1468 Ludwig Alemann Heine Alemann
1469 Ludwig Alemann
1470 Ludwig Alemann
1471 Ludwig Alemann Heine Alemann
1472 Ludwig Alemann
1473 Ludwig Alemann
1474 Ludwig Alemann Heine Alemann
1475 Ludwig Alemann
1476 Ludwig Alemann
1477 (Ludwig+)Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1478 (Ludwig+)Johann+Hans Alemann
1479 (Ludwig+)Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1480 (Ludwig+)Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1481 Johann+Hans Alemann
1482 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1483 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1484 Johann+Hans Alemann
1485 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1486 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1487 Johann+Hans Alemann
1488 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1489 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1490 Johann+Hans Alemann
1491 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1492 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1493 Johann+Hans Alemann Hans Alemann
1494 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1495 Johann+Hans Alemann Hans Alemann Heine Alemann
1496 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1497 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann Heine Alemann
1498 Johann+Hans Alemann Hans Alemann Heine Alemann
1499 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1500 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1501 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1502 Johann(+Hans Alemann)
1503 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1504 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1505 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1506 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1507 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1508 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1509 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann
1510 Johann(+Hans Alemann)
1511 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1512 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann
1513 Johann(+Hans Alemann)
1514 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1515 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann

Heinrich war offensichtlich nicht derjenige, der die Repräsentationsaufgaben erfüllte und das politische Alltagsgeschäft zu betreiben hatte. Das war wohl mehr die Sache von Heine. Heinrich – vermutlich der jüngere von beiden – scheint sich mehr im Hintergrund vor allem um das finanzielle, aber auch um Diplomatie gekümmert zu haben.

Hier jedenfalls taucht er öfter als seine Brüder in den Quellen auf – meist als Gläubiger und Kreditgeber aber auch als Verhandler. Die Fürsten und Erzbischöfe der Region liehen sich beträchtlichen Summen, die Heinrich teilweise allein, teilweise gemeinsam mit anderen Magdeburgern aufbrachte.

Zwischen 1490 und 1507 verlieh allein Heinrich über 10.000 Gulden (1490-1491: 3.200 an den Kurfürsten Johann von Brandenburg, 1490-1507 5.500 Gulden an den Erzbischof Ernst von Sachsen und zwischendurch noch 2.000 von 6.000 Gulden, die er gemeinsam mit Cone und Valentin von Embden sowie Jakob und Hans Rode über den Erzbischof dem Fürsten Rudolf von Anhalt lieh (Wittek S. 122 und UB Nr. 1004).

Es ist anzunehmen, daß Heinrich – gemäß einer bis ins 19. Jahrhundert andauernden Tradition – die Lehnstücke der ganzen Familie verwaltete und dieses Familienvermögen auch zu den genannten Krediten heranzog. Es fällt immerhin auf, daß bei den anderen Familien häufiger Einzelpersonen aufgezählt werden während für die Alemanns nur Heinrich zeichnet.

Gudrun Wittek, die sich intensiv mit den Rechtsverhältnissen in den sächsischen Städten im 14. und 15. Jahrhunderts befaßt hat, hebt die besondere Rolle Magdeburgs in dieser Zeit besonders deutlich hervor. Wichtig ist ihr dabei gerade die Vermeidung von Krieg und Aufruhr – also das Fehlen von Helden, denen spektakuläre Niederlagen oder gar Hinrichtungen einen Platz in der Geschichte sicherten.

So hatte sich der Rat von Quedlinburg 1476 geweigert, Eingriff der Äbtissin Hedwig – einer Schwester des Erzbischofs von Magdeburg Ernst von Sachsen und der Herzogs Albrecht von Sachsen – in die Stadtpolitik zu akzeptieren. 1477 belagerten die Brüder der Äbtissin die Stadt, nahmen sie ein, ließen die in ihren Augen schuldigen Ratsleute und Bürger hinrichten oder zumindest enteignen, verbrannten die Urkunden mit den alten Rechten der Stadt und unterbanden alle Beziehungen der Stadt zur Hanse und zu anderen Städten.

Heine Alemann, der in diesem Jahr erstmals Bürgermeister der Altstadt war, wird diesen Vorgang sehr genau beobachtet haben. In Magdeburg entschloß man sich darauf hin offensichtlich, gegen Ansprüche und Eingriffe des Stadtherren lieber mit „beharrlicher, krämerischer Unnachgiebigkeit“ vorzugehen, nach der Art „zäh, aber unkriegerisch wider­stehender Kaufleute und Handwerker, denen die militärische Drohgebärde wichtiger war als der Sieg in der Schlacht“ (Wittek, S. 19).

Die Magdeburger Schöffenchronik macht dann auch nicht viel Aufhebens von der „großen Übereinkunft“ (magna concordia), die für Gudrun Wittek der Rang einer Verfassungsurkunde verdient hat. „Im Jahre 1497 ist Bischof Ernst mit der Stadt nach vielem Streit vertragseinig geworden und die Stadt hat ihm 6.666 Gulden gegeben“ (vgl. Wittek, S. 17, SH S. 418). Bei allem Stadthistorikern ist dieses Dokument aber der Abschluß einer Epoche und es eröffnet damit den Übergang zur Neuzeit, oder – wie Historiker sagen – vom Spätmittelalter zur frühen Neuzeit.

  1. es war einerseits der Charakter der Beteiligten – also eine gewisse Verhandlungs- und Einigungsbereitschaft sowohl von Seiten des Rates als auch von Seiten des Erzbischofs und des Domkapitels –
  2. andererseits die rechtliche Bildung der Entscheider und Verhandler, sowie die Routine aller Beteiligten in Verwaltungs- und Rechtsprechungsangelegenheiten – vor allem die Kunst der juristischen und politischen Argumentation und die Fähigkeit, Verträge (einschließlich der in ihnen enthaltenen Kompromisse) zu schließen –
  3. und schließlich war es das schwerwiegende Argument der mobilisierbaren Verteidigungs- und Kriegskräfte und der verfügbaren Geld- und Handelsmacht.

Heinrich Alemann hatte in diesem Spiel wohl viele Fäden in der Hand.

Es fällt auf, daß die Kredite an den Erzbischof im Jahre 1490 beginnen, ein Jahr nachdem der 25-jährige Erzbischof sein Amt selbst in die Hand nahm und ein paar Jahre nach der arg verunglückten Abwehr des ersten Angriffs der erzbischöflichen Verwaltung auf die Rechte der Stadt im Jahr 1486.

Anlaß all dieser Konflikte war die Erhebung einer Türkensteuer durch Kaiser Friedrich III.

1478 erreichten die türkischen Truppen Kärnten und 1480 wurde die Aufstellung eines Reichsheeres beschlossen, also auch die Erhebung einer „Türkensteuer“ bei den Fürsten und Städten des Reiches. Zunächst forderte der Kaiser diese Steuer direkt von der Altstadt (3.000 Gilden). 1481 erreichte der Räte des 17-jährigen Erzbischofs aber das Recht, die Steuer für den Kaiser gemeinsam mit dem erzstiftischen Teil der Steuer nach seinen Regeln auch bei der Stadt zu erheben. Und er forderte 9.000 Gulden. Es war ein doppelter Affront.

Der Rat weigert sich an Ernst von Sachsen zu zahlen und wendete sich an den Kaiser. Dieser forderte zunächst die Stadt auf, dem Stadtherren zu gehorchen, verlangte aber nach einer erneuten Intervention vom Erzbischof, sich über Schiedsrichter mit der Stadt zu vergleichen.

Diese Aufforderung betraf insbesondere auch eine ganze Reihe weiterer Punkte: den Bau einer Stadtmauer, den ohne Zustimmung hinter dem erzbischöflichen Palais errichteten Turm, das Recht des Rates den Schultheiß zu benennen, die Gerichtsbarkeit auf dem Domplatz (Neuer Markt) zu Messenzeiten, etc.

Inzwischen war die türkische Bedrohung längst inaktuell und die Fürsten hatten die eingenommenen Steuern eigenen Zwecken gewidmet, was der Kaiser duldete. Die Stadt klagte bei dem Reichsgericht des Kaiser wegen Unterschlagung der Reichssteuern gegen den Stadtherren. Ein Argument mehr für den Rat, nur dem Kaiser direkt Steuern zu geben.

Damit war ein offener Konflikt da, der – wie auch immer – gelöst werden musste.

Und dieser Konflikt betraf nicht nur Magdeburg. Dort wie rund herum im Lande drohten überall gewaltsame Auseinandersetzungen vom Scharmützel bis hin zum großen Krieg.

Jetzt war die Stunde der Diplomatie: Im September 1483 sorgten Heinrich Alemann und Jakob Rohde beim Städtetag in Lübeck für eine Bekräftigung der Städtebundes im Kampf gegen die Ansprüche der Fürsten. Heine Alemann und Ulrich Tewes kämpften gleichzeitig am Hofe des Kaisers Friedrich III um Gehör. Sie erreichten immerhin die Einsetzung eines Vermittlers.

In Magdeburg und Sachsen wütete im gleichen Jahr wieder einmal eine Pestepedemie. In Halle stand der erzbischöflichen Administration mit großen Truppen vor der Stadt und der fand gegen den von den Salzsiedern (Pfännern) beherrschten Rat Verbündete bei den zur Ratsmacht drängenden Innungen. Ein typischer Konflikt für eine Stadt, die ihren inneren Frieden noch nicht gut organisiert hatte, die gewissermaßen noch in schlechter „Verfassung“ war und keine Instrumente besaß, die aufbrechenden sozialen Konflikte auszufangen. Der Preis, den die Innungen in Halle für ihren Sieg an der Seite der Stadtherren und Landesfürsten zahlten, war hoch: Austritt aus der Hanse und Verlust vieler Rechte, vor allem aber ein großes Loch in der Stadtmauer, in das die Sieger die Moritzburg bauten, den zukünftigen Sitz der Magdeburger Erzbischöfe – eine ähnliche Entwicklung gab es in Braunschweig, wo Wolffenbüttel die Rolle der Bischofsstadt übernahm.

Die Innungen nahmen die bewusst in Kauf, denn sie kannte ja die Gegenseite und ihre Aktionen kurz zuvor in Quedlinburg. Olaf Mörke hat in dem Tagungsbund von G. Wittek einige interessante Anmerkungen zu diesem „gewollten Weg zum Untertan“ gemacht.

Den einfachen Sieg der Truppen des 14-jährigen Kirchenfürsten sicherte so letztlich Jacob Weissack, Ratsmeister der Schuhmacherinnung, der am 19. September 1478 um 13 Uhr nicht, wie vereinbart, die Glocke läuten und den Rat zusammenzurufen ließ, um diesen über sein Gespräch mit dem Erzbischof zu informieren, sondern das Ulrichstor für die Truppen des Erzbischofs öffnete (Wittek S. 177).

1484 besiegelte der Grundstein zur Moritzburg das Schicksal der Stadt als Bischofsresidenz.

Man sollte also den drei genannten Faktoren einen vierten hinzufügen:

die innere Einigkeit der einander gegenüberstehenden Regime und die Abwesenheit von Zweitracht, die von der Gegenseite ausgenutzt werden kann.
Magdeburg gehörte zu den Städten Europas, die sehr früh von den Innungen beherrscht wurden, und schon in den ersten in den Konflikten vor 1330 hatten auch die kleinen Innungen einen zumindest symbolischen Einfluß auf die Stadtpolitik erobert, da Zeit auch Ratsleute benennen durften. Der innere Friede war damit weniger gefährdet. Für Magdeburg, dessen Vertreter 1478 – vor der Übergabe der Stadt durch eine der Ratsparteien – einen bewaffneten Konflikt im Namen der Hanse verhinderte und den Parteienstreit scheinbar geschlichtet hatte, wurde der Handlungsspielraum aber enger. Die Hanse verlor ihre Bedeutung als sichere und starke Stütze. Zielsicher eliminierten die Domherren und die Sachsenfürsten weiter ihren Einfluß. Mit Halle und den sächsischen Städten verlor die Stadt jedoch ihre wichtigsten Verbündeten. Es blieb allein Braunschweig, doch das hatte gleichartige, also konkurrierende Interessen vor allem auf dem Gebiet des Getreidehandels, was die Freundschaft immer wieder brüchig machten (vgl. Puhle in der neuen Stadtgeschichte, S. 132).

Deshalb ging Altstadtrat also auf Verhandlungskurs. Schon 1483 gab es einen Vertrags­entwurf. Er schrieb einen Status quo fest, wurde aber erst 1486 gültig. Die Stadt versprach, ihre Befestigungen in der Domfreiheit wieder zurückzubauen und 8.000 Gulden Türkensteuer in Raten zu zahlen. Ihr wurde im Gegenzug das Recht, den Schultheiß zu benennen wieder zugestanden. Wirksam wurde dieser Vergleich durch eine Erklärung des Erzbischofs. Es war also kein echter Vertrag. Keine der beiden Seiten mochte diesen vom Bischof erlassene „Frieden“. Auch die erzbischöf­liche Administration lehnte ihn im Grund genommen ab.

Doch der Druck auf die Stadt war nach der Niederwerfung von Halberstadt durch eine 12.000 Mann-Armee offensichtlich bis an die Schmerzgrenze gewachsen.

Es war nicht mehr daran zu denken, mit den sächsischen Hansestädten oder gar mit den Fürsten – wie wenige Jahrzehnte zuvor gegen den Erzbischof Günther – eine Gegenmacht aufzubauen. Und der Erzbischof wollte vermutlich endlich das Faß Magdeburg zu machen, um die Hände frei zu bekommen für die „Befriedung“ der anderen Städte und des flachen Landes. So zeichnete Ernst von Sachsen des Vertrag ab und verwandelte ihn so ihn eine erzbischöfliche Weisung.

Offensichtlich war Magdeburg und auch die Hanse nicht mehr in der Lage und auch nicht Willens, Halberstadt zu helfen. Schon gar nicht galt dies für die zwar nahe liegenden, organisatorisch aber zu Lübeck gehörenden Hansestädte Quedlinburg, Stendal, Tangermunde, Gardeleben, Havelberg, Seehausen, Osterburg, Werben in den folgenden Jahren.

Wenn man allerdings bedenkt, dass von der Türkensteuer ein Heer von 15.000 Mann aufgestellt werden sollte – vor Halberstadt aber 12.000 Mann standen -, dann kann man recht leicht verstehen, dass die Magdeburger sich auf die Sicherung ihrer Stadtmauern konzentrierten und es vermieden, ihre Kräfte offenen Feldschlachten auszusetzen.

So nahmen denn die Dinge ihren Lauf:

„Die blutige Niederschlagung der Bierzieseaufstände im Frühjahr 1488 leitete das Ende der Altmärkischen Hanseherrlichkeit ein. Nachdem der Kurfürst Johann Cicero die sich gegen die Biersteuer auflehnenden Städte im Handstreich bezwungen hatte, gehörte der Rückzug aus sämtlichen Bündnissen, auch aus der Hanse zu den ‚Friedensbedingungen’“(aus: Der Altmärkische Hansebund, Broschüre des Altmärkischen Hansebundes, GS Stendal).

Schon im folgenden Jahr 1487 schraubte das Domkapitel die Forderungen wieder hoch und es lehnte nicht nur die Einsetzung des von der Stadt vorgeschlagenen Schultheißen ab – dieser war wohl absichtlich zurückgetreten, um die Zusagen des Domkapitels zu testen -, es forderte geradezu streitsüchtig die Bestätigung aller Bürgermeister, Ratsmänner und Schöffen durch den Erzbischof.

Der damalige Vermittler des Vertrages von 1486 – Albrecht von Sachsen, der Vetter des Erzbischof – erhielt ein entsprechendes Schreiben des Domkapitels, das Albrecht aber wohl unbeantwortet ließ. Die Stadt selbst war nicht untätig und suchte Kontakt zum Kaiser und teste den Stadtherren, indem – wie beschrieben – der Schultheiß Heinrich Bode sein Amt niederlegte und die Schöffen seine Wiedereinsetzung beantragen ließ.

Diese hatten zuvor offensichtlich auch ein Todesurteil gegen den Dieb verhängt, die nach Auffassung des Domkapitels in die Gerichtsbarkeit des Stattherren gehörten. Der Mann hatte einen Kohlkopf gestohlen. Es ging aber wohl weniger um das Urteils als um die Tatsache, dass Schultheiß und Schöffenstuhl diese in eigener Verantwortung taten.

Schon 1486 hatte die Stadt durch ihre Unterordnung unter das Angebot des Stadetherren ihren Anspruch auf Reichsfreiheit im Grunde verloren gegeben. Sie akzeptierte den Vergleich still­schweigend, um zumindest ihre praktischen Autonomierechte wahren. Das scheint auch ein Signal für den jungen Erzbischof gewesen zu sein, der ab 1485 direkter in die Politik einschaltete. Er nahm zwar seine Ansprüche nicht zurück – im Gegenteil. Aber der widersetzte sich auch nicht länger dem förmlichen Verfahren eines Vergleichs.

1489 – schon mit 25, statt erst mit 29 – wurde er zum Erzbischof geweiht. Er vermied danach den militärischen Weg zur Durchsetzung der Ansprüche des Domkapitels und seiner fürstlichen Verwandten und stimmte 1494 schließlich doch der Einsetzung einer Schiedskommision zu, wie sie im Grunde nach 1481 schon vom Kaiser anempfohlen worden war. Am 13. November setzen der Rat und Schöffen der Altstadt Dr. Thomas Mauritius, den Syndicus der Altstadt, Claus Strom, Hans Ottersleben und Thomas Harckstro als Rechtsvertreter, sowie den Abt Niclaus zur Zeynne, Hans Kotze, den Schultheiß Heinrich Sulze und Heine Alemann, damals Bürgermeister, als Schiedsrichter und Prokuratoren der Stadt ein.

Es folgt die Klageschrift der Stadt (6 Seiten), die Antwort des Erzbischof (15 Seiten), die Gegenrede der Stadt (13 Seiten), die Gegenrede des Erzbischof (19 Seiten) und dann am 21. Januar 1497 der Vertrag (gut 11 Seiten). Alles ist im Urkundenbuch nachzulesen. Es sind wohl die längsten zusammenhängenden Dokumente dieses Werkes.

Bürgermeister zwischen 1494 und 1497

Jahr Name Funktion
1494 Jacob Bebende (Beuenter) 1. Bürgermeister
1494 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1495 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1495 Heyne Alemann Schultheiß
1495 Hanß Rode 2. Bürgermeister
1496 Thomas Sulze 1. Bürgermeister
1496 Heinrich Rode (de olde) 2. Bürgermeister
1497 Jacob Bebende (Beuenter) 1. Bürgermeister
1497 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister

Bürgermeister waren also Jacob Bebende, Thomas Sulze, Heine und Heinrich Alemann sowie Hans und Heinrich Rohde – vermutlich ebenfalls Brüder (ZMA. H3, S. 247, dort heißt die in der Ämterfolge identische Person Heyne II).

Die Familien Rohde und Alemann bestimmten in dieser Zeit wohl gemeinsam über große Strecken die Ratspolitik. Hans Rohde und Heine Alemann bildeten dabei über die gesamte Amtszeit von Heine ein eingespieltes Tandem:

von Name Funktion
1468 Hans Rode 2. Bürgermeister
1470 Cone Rode 1. Bürgermeister
1471 Hanß Rode 2. Bürgermeister
1474 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1477 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1477 Hans Rohde 2. Bürgermeister
1480 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1480 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1482 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1483 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1483 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1485 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1486 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1486 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1488 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1489 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1489 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1491 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1492 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1492 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1493 Heinrich Rode 2. Bürgermeister
1494 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1495 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1495 Hanß Rode 2. Bürgermeister
1496 Heinrich Rode (de olde) 2. Bürgermeister
1497 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1498 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1499 Heinrich Rohde 2. Bürgermeister
1500 Thomas Rohde 1. Bürgermeister
1500 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1501 Hans Alemann 1. Bürgermeister
1502 Heinrich Rohde 2. Bürgermeister
1503 Thomas Rohde 1. Bürgermeister
1503 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1504 Hanß Aleman 1. Bürgermeister

Auch hier zeigt sich – wie beim Zusammenspiel der Familien Alemann und Keller – das Prinzip der Stadtverwaltung, in der sich immer mehrere Kräfte im „Kollektiv“ agieren.

Freilich ist das Übergewicht schon sehr auf Seiten der Alemänner, eine Tendenz, die sich im 16. Jahrhundert noch verstärkte.

Wir sind Frau Dr. Wittek sehr dankbar, dass sie uns auf die politische Bedeutung der Brüder Heine und Heinrich aufmerksam gemacht hat; sie hat in den 2005 neu herausgegebenen Tagungsband – mangels Interesse und Förderung anstelle des geplanten Buches zum Thema Stadtfrieden – den beiden auch einen längeren Artikel gewidmet, der die detaillierte Schilderung der fürstlichen Vertreter der Schiedskommision sehr gut ergänzt.

Wir können an dieser Stelle also auch den Tagungsband verweisen und wir hoffen, dass die hier angesprochene Thematik in Zukunft mehr Aufmerksamkeit findet.

Wer sich für diese Thematik interessiert, dem sei dieses Buch empfohlen.

Zu Heinrich Alemann ist abschließend anzumerken, dass er vor seinem Tode für sein Seelenheil eine Stiftung bei der Johanniskirche einrichten ließ, die zunächst – wie viele Stiftungen dieser Art – regelmäßige Messen und das gute Andenken der Stifter sichern sollte.

Schon viele andere Stadtbürger hatten ähnliche Stiftungen einrichten lassen, die zunächst ganz dem kirchlichen Leben dienten. 1506 starb Heinrich und die Stiftung wurde wirksam. Wie die Stiftung der 1516 verstorbenen Dompredigers Dr. Johannes Scheiring (Ziering) blieb die Stiftung Heinrichs bis heute lebendig. Nach dem ersten Weltkrieg waren beide Stiftungen zwar mittellos. Es klebte aber viel Geschichte an ihnen und so ist insbesondere die von der Stadt Magdeburg bis in die DDR-Zeit hinein verwaltete Zieringsche Stiftung durch ihre Stipendienvergabepraxis bis reich an genealogischem Material. Diese Stiftung war von Anbeginn an eine Stipendienstiftung. Heinrich Alemanns Stiftung wurde erst durch seine Erben im ereignisreichen Jahr 1547 in ein Familienstipendium umgewandelt.

Dieses Stipendium wäre der Erwähnung kaum wert, wenn sich mit ihm nicht die Familiengeschichte so eng verbunden hätte.

Leider sind die Akten dieses Stipendium mit dem Alemann-Guericke-Archiv dem Magdeburger Stadtarchiv im 2. Weltkrieg abhanden gekommen. Durch Flucht und Vertreibung ist auch der Familie das meiste Material verloren gegangen. So sind die Reste des alemannschen „Gesamthandlehens“ (ein Garten- und ein Ackergrundstück) im Jahr 2000 in eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt worden, die Heinrich Alemanns Stipendium in einer neuen Form wiederbeleben soll.