Johann Alemann

Im Schöffenkollegium

Hans (1440-1515) und Johann (1453-1516) Alemann

Johann Alemann wurde 1453 geboren als einer der drei Söhne von Ludwig Alemann (1415-1480) und Anna Engel, möglicherweise der Tochter jenes Magdeburger Schöffen Claus Engel, der 1422 gemeinsam mit Hans Alemann und Ludecke vom Keller einen Streit des Erzbischofs Günther mit der Stadt Halle schlichtete (UB II, S. 95, ZMA 3 S. 159+244).

Ein Claus Engels, der 1370 als Schöffe genannt wird, könnte sein Vater oder Großvater gewesen sein. 1495 wird das Testament eines Claus Engels von den Schöffen vollstreckt (UB III, S. 579). Möglicherweise gibt es auch hier eine Kette von drei Cläusen – Vater-Sohn, Enkel. Die Familie scheint wohlhabend gewesen zu sein, wenn man die Urkunden über den Kauf von Lehneigentum zugrunde legt (das halbe Dorf Hohendodeleben, Solgüter in Staßfurt etc.).

Johann Alemann war jedenfalls – wie die Brüder Heine und Heinrich Alemann, seine Zeitgenossen – ebenfalls ein Ur-Enkel des ersten Magdeburger Alemann-Bürgermeisters: Heine Alemann (1325-1390). All diesen wurden eigene Portraits gewidmet.

Sein Vater Ludwig Alemann (1415-1480) war zwischen 1446 und dann wieder 1459-1464 dreimal Kämmerer und wurde danach Schöffe. Johann selbst erwarb um 1465 herum – vermutlich in Leipzig – das Baccalaureat. Baccalaurus wurde ein Student, der nach etwa vier oder fünf Jahren Studium die Befähigung zum Doktorat oder Magisterstudium erworben hat. Er muß eine Prüfung ablegen und über ein Thema disputieren und vorlesen können. (Piltz). Es war zumindest eine mehrjährige Ausbildung, die wohl erheblich über unser heutiges Abitur hinausging. Da dieser Titel in den Urkunden erwähnt wird, muß es schon etwas bedeutet haben und als Zeichen einer wissenschaftlichen Ausbildung geschätzt worden sein. In den Genealogischen Unterlagen wird ihm Baccalaurus mit Dr. übersetzt,was wohl nicht zutrifft.

„Ausstudierte“ Doctores werden in der Genealogie erst ab 1550 genannt:

– Dr. Heinrich Alemann 1556-1559,

– Dr. Jakob Alemann (1574-1630, studierte 1587-1598),

– Dr. Johann Alemann (1618-1688)

Man kann aber seit Mitte des 15.Jahrhunderts davon ausgehen, daß alle Alemann-Bürger­meister eine Universität zumindest für ein zwei Semester besucht hatten. Ein gewisses juristisches Wissen sollten alle Söhne aus der Familie besitzen. Auch Johanns Sohn Ludwig (????-1563) schloß sein Studium in Wittenberg als Baccalaurus ab. Sein Sohn Georg war 1518 Student in Bologna. Der Sohn Hans reiste zwischen 1522 und 1530 vermutlich durch Schweden, Rußland und Polen, wo es sicher weniger um Wissenschaft als um Handels­bezie­hungen ging. Es war 1522 und dan wieder ab 1532 Kämmerer. Das Amt führte er bis 1538. Offensichtlich hatte er aber eine weitere Karriere im Auge und schob so ein Studium in Wittenberg zwischen eine Jahre als Kämmerer im regierenden Rat (1536-1538). Er wurde einer der großen Alemann-Beürgermeister, dem ein eigenes Portrait zu widmen ist. Gerade an Hans Alemann kann man sehen, daß ein juristisches Studium in der damaligen Zeit für Ratsämter schon nahezu unverzichtbar war.

Wichtiger als wissenchaftliche Bildung waren aber mit Sicherheit Reichtum und Beziehungen. Auch bei Johann Alemann konnten wir feststellen, das die engsten Verwandten nicht nur wohlhabend waren sondern auch wichtige Ratsposten bekleideten:

von bis Name Funktion
1370 1371 Claus Engels Schöffe
1422 1422 Claus Engels (UB II, S.95) Schöffe
1446 1446 Ludwig Aleman Kämmerer
1459 1462 Ludewig Aleman Kämmerer
1464 1477 Ludeke Alman Schöffe
1466 1472 Heine Witkopf Kämmerer
1475 1487 Heine Witkopf 1. Bürgermeister
1477 1515 Hans Alemann Schöffe
1477 1495 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1477 1516 Johan Alman Schöffe
1483 1503 Heinrich Alemann 2.Bürgermeister
1498 1498 Paul Witkopf Kämmerer
1501 1501 Claus (Paul) Wittekopff Kämmerer
1594 1594 Jobst Witsche (Wittekopf) Kämmerer

Geheiratet hat Johann Alemann Trale Wittekopf , Tochter des Kämmerers Heyne Wittekopf. 1475-1487 war der Schwiegervater Bürgermeister. Da dieser 1477 im oberalten Rat als Bürgermeister saß, könnte er seinen Schwiegersohn für den Schöffenstuhl vorgeschlagen haben. Vielleicht hat er auch nur dem Cousin Johanns, dem 1. Bürgermeister Heine Alemann eine entsprechende Anregung gegeben. Am wahrscheinlichsten wäre, daß sich Johanns Vater Ludwig einfach aus dem Schöffenamt zurückzog, um seinem Sohn einen Platz frei zu machen. Eine andere Variante wäre, daß drei Alemänner im Schöffenstuhl saßen: die Cousins Ludwig und Hans Alemann, sowie Johann Alemann Ludwigs Sohn.

Hans Alemann wird ebenfalls 1477 als Schöffe bestätigt. Er wird zwischen 1430 und 1435 geboren sein, studierte vielleicht in Erfurt (das genannte Jahr 1444 scheint aber eher zu einem anderen Hans zu gehören) und er heiratete Katharina Jarmarth, über deren Familie nichts weiter bekannt ist.

Überhaupt scheinen die Alemänner mit dem Namen Hans das Schöffenamt bevorzugt zu haben. Schon für die Zeit von 1350-1390 und 1393-1432 werden Vater und Sohn Hans Alemann (1325-1390/1355-1332). Vom Sohn wird das gezeigte Siegel stammen. Dem folgt der Enkel und der ältere Kreuzfahrer Ludwig Alemann (1415-1480). der von 1464-1480 Schöffe gewesen sein könnte. die beiden Urenkel des ersten Schöffen mit dem Namen Hans Alemann, Johann und Hans Alemann sind Cousins 2.Grades.

Den Urenkel Hans und und den Enkel Ludwig Alemann verband ein gemeinsames Abenteuer: Beide folgten 1453 im Geburtsjahr von Johann Alemann, dem Schöffenkollegen von 1477, dem Aufruf zum Kreuzzug gegen die Türken, den der Franzis­kaner Kapistrano auf dem Alten Markt acht Tage lang gepredigt hat. Der damals viel­leicht etas über 20 Jahre alte Hans wurde Hauptmann und verbrachte acht Jahre in Gefangenschaft, aus der ihn seine Brüder Heine und Heinrich freigekauften.

Ludwig Alemann, 1453 schon etwa 38 Jahre alt, verließ seine Heimatstadt und zog mit dem Predigermönch in den Krieg gegen die Türken. Er wird einer der Älteren in der Truppe gewesen sein, machte Karriere, wurde Oberst oder Oberstleutnant. Vor 1459 muß er zurückgekehrt sein, denn in diesem Jahr wird der wieder als Kämmerer genannt. Ludwig Alemann kam dann 1464 vom Kämmerer­posten ins Schöffenkolleg. 13 Jahre später kommt der jüngere Kreuzzügler mit Ludwig Alemanns Sohn Johann ins Schöffenkolleg. Seine Gefangenschaft könnte bis 1472 gedauert haben.

Obwohl in der Genealogie einige Kettenglieder an dieser Stelle – wie auch an anderen – etwas brüchig sind, ist der unglücklichere Gotteskrieger der Ahnherr der heutigen Alemänner. Seine Söhne findet man – sofern sie nicht Ratsämter ausüben – immer häufiger auf den umliegenden Gütern der Familie in Callenberg und Gommern. Sein Sohn Moritz Alemann wurde Kämmerer und erscheint in den Urkunden als Eigentümer des Hauses Zum Lindwurm, wo er bei der Belagerung der im Auftrage des Rates gefangenen Herzog von Mecklenburg in „Quartier“ nahm. Eine Enkeltochter von Hans heiratete ihren Cousin Ebeling Alemann, der zu den tatkräftigen Förderern der protestantischen Geistlichen in Magdeburg gehörte.

Überhaupt bildete sich recht enge familiäre Beziehungen zu der neuen Geistslichkeit: Johann Alemanns Schwester Agathe heiratete einen Jörg Tucher. Es ist fraglich, ob dieser aus der Nürnberger Patrizierfamilie Tucher stammte. Deren Sohn Steffen Tucher wurde in der Reformationszeit bekannt als Archidiakon unter dem Pfarrer Wigand an der Ulrichskirche. Wigand ist wiederum der Hauptautor der Magdeburger Centurien genannten protestantischen Kirchen­ge­schich­te. Steffen Tucher wiederum war Schwager des bedeutendsten und unstrittensten Lutheraner in Magdeburg, der in der venezianischen Stadt Albona als Matija Vlacic geboren Matthias Flacius Illyricus (=aus Illyrien).

Flacius ist der spiritus rector und Origanisator der Vorarbeiten für die Magdeburger Centurien, während Wigand die Hauptarbeit als Autor erledigte.

Einen der bekannten sechs Söhne des Baccalaurus und Schöffen Johann Alemann werden wir in einem eigenen Portrait vorstellen: Hans Alemann (1491-1568), er wurde in den Jahren des Schmalkaldischen Krieges und der Belagerung durch Moritz von Sachen 1550/51 neben seinem Cousin Heine Alemann Bürgermeister. Dessen Sohn Christoph Alemann wurde in diesem Krieg als „toller Fähnrich“ bekannt. Er heiratete Sophie Lentke und in der Nähe des Portals der Johanniskirche soll ein Gedenkstein für die beiden angebracht gewesen sein. Später zählte Christoph zu denen, die sich auf eines der Güter im Umland zurückzogen, in diesem Falle ein Gut in Zuchau.

Christophs Schwester Margarete Alemann wurde über ihre Tochter Margarethe Westphal (1543-1586) Schwiegermutter von Peter Ullner, des Abtes des Klosters zum Berge vor Magdeburg, der 1565 als erster Prälat des Erzbistums Protestant wurde und diese Lehre in seinem Kloster einführte.

Das Leben der Schöffen Hans und Johann Alemann überspannt die lange Periode von 1477 bis 1516. Es ist bei den Schöffen nicht bekannt, wie lange sie ihr Amt inne hatten. Lediglich über das Jahr ihrer Einsetzung gibt die Schöffenchronik relativ umfangreich Auskunft. Die Tatsache, daß sie das im Prinzip Amt auf Lebenszeit inne hatten, erlaubt es, einen mutmaßlichen Amtzeit­raum festzusetzen. Sie umfaßt die Zeit der Brüder Heine und Heinrich Alemann. Johann wird auch unter diejenigen, die als Zeugen Schiedsrichter und Anwälte 1494 notariell zugelassen wurden, um bei den Verhandlungen mit zu wirken, die 1497 in der großen Übereinkunft mündeten. ein Jahr nach seinem Tode veröffentlicht Luther seine Thesen gegen den Ablaß und damit beginnt die Zeit der Reformation.

Ein Jahr vor seinem Eintritt ins Schöffenamt hatte der Erzbischof Ernst von Sachsen als zwölfjähriger Knabe das Bischofsamt nominell übernommen, das vorerst noch von seinen Verwandten ausgeübt wurde. 1489 übernahm der Bischof dann sein Amt selbst in die Hand. 1513 verstarb er recht jung an der Syphilis. Sein Bruder Friedrich der Weise wurde eine Schlüsselfigur der Reformation, ohne die Luthers Chancen, auf dem Scheiterhaufen zu enden um vieles größer gewesen wären. Die Brüder Ernst und Friedrich hätten – wäre Ernst nicht so früh verstorben – vermutlich zumindest keinen Anlaß zu den Ablaßthesen gegeben und vielleicht wäre die Reformation ganz anders verlaufen, vielleicht hätte sie ihren Weg dort fortgesetzt, wo der Laienbischof Friedrich von Beichlingen mit seinem Domprediger Heinrich Tocke geendet hatten. 1464 starb dieser Bischof. Johann war damals schon 11 Jahre alt. Sein Vater war vor wenigen Jahren aus dem Türkenkriegen zurückgekommen und war Kämmerer in oberalten Rat, sein und sein späterer Schöffenkollege Hans Alemann trat gerade seine acht jährige türkische Gefangen­schaft bei Belgrad an.

Johann Alemann war damals gerade Student in Leipzig und stand im Examen. Ein langer Weg folgte bis 1516,dem Jahr als er starb. Er wurde im Kreuzgang der Sankt Paul Kirche begraben. Mit ihm im gleichen Jahr starben die Söhne Thomas und Heine. Es war wieder ein Pestjahr.

Die weitere Zeit – und insgesamt die Zeit der Reformation – kann besser im Zusammenhang mit jenem Ludwig Alemann erzählt werden, der in den Jahren von Johanns Tod Bürgermeister war.