Ludwig Alemann

… bis zur Reformation 1524

Ludwig Alemann (1468-1543)

Ludwig Alemann war ein Sohn von Heinrich Alemann (1425-1506) und Katharina vom Kellere. Über seine Ehefrau ist nichts bekannt. Er hatte aber mindestens einen Sohn.

1499 wird er als Mitglied des Rates der Altstadt erwähnt. 1505 – ein Jahr vor dem Tod seines Vaters Heinrich (1503 zuletzt zuletzt im Amt) – löste er diesen ab. Cousin Hans Alemann – seit 1498 im Bürgermeisteramt gibt in Ludwigs erster Amtperiode (1505-1507) das Amt ebenfalls auf. Neben Johann und Hans Alemann, die möglicherweise bis maximal 1515 oder 1516 noch im Schöffenstuhl saßen, ist Ludwig Alemann bis 1520 der einzige Alemann auf einem führenden Ratsposten, ab 1522 könnte er Schultheiß gewesen sein, das sagen zumindest die genealogischen Unterlagen (ZMA, H3 S, 184, EvA S.89). Er wurde in der Ulrichskirche begraben.

Sein Sohn Ludwig (gestorben 1575) wurde Ratsherr und war nachweislich ab 1552 Schultheiß. Dessen Sohn – wiederum ein Ludwig – starb vor dem Vater in Lübeck, wo er ein überseeisches Großgeschäft anlegen wollte – überhaupt wird öfter von unglück­lich verlaufenen auswärtigen Geschäften der Alemännern berichtet, was umgekehrt auch heißen dürfte, daß es mehre unerwähnte Geschäfte gab, die gelangen. Es fällt auch auf, daß viele ihre Ratstätigkeit erst im reifen Alter begannen, so war Ludwig Alemann 31 als er erstmals als Ratsmann erwähnt wird, 37 Jahre alt war er, als er Bürgermeister wurde. Das spricht dafür, daß sie vorher als Geschäftsleute in den Innungen, oder später als Offiziere und Beamten aktiv waren.

Drei Ludwigs in Serie (Vater, Sohn, Enkel) verdeutlich, wie schwer einzelne Personen für die damalige Zeit zu unterscheiden sind. Auch der recht gut recherchierte Alemann­-Stammbaum ist deshalb nur ein Konstrukt, das bei jedem Autor ein wenig von anderen abweicht.

Vom Vater Ludwig Alemann haben wir aber genauere Kunde. Er wohnte im „Haus zum Goldenen Tempel“, das später „Zum Lindwurm“ (schon 1550) hieß. Das ist ein altes Kaufmannshaus, das bis ins 20. Jahrhundert als eines der wenigen Relikte aus dem 15. Jahrhundert am Brei­ten Weg erhalten blieb. 1560 kaufte es die Kaufleutebrüderschaft, die sich von der Seidenkrämerinnung abgespalten hatte und daher deren Haus verlassen mußte. Im 17.Jahrhundert fand man hier die Post und den Verlag der ersten Magdeburger Zeitung. Auch dieses Haus zeigt, daß die Alemänner in Magdeburg im 15. Jahrhundert vor allem kaufmännisch aktiv waren. Freilich findet man sie ab Mitte 1500 auch immer häufiger auf einem ihrer Güter rund um Magdeburg.

Neben dem Lindwurm lag das Franziskaner­kloster – abgetrennt lediglich durch die Schulstrasse. Die Äbte der Klöster dürften es nicht leicht gehabt haben damals. 1456 wehrten sich Franziskaner noch mit Waffengewalt gegen die Reformen des Erzbischofs Friedrich. Jetzt im 3. Jahrzehnt des 16. Jahrhunderts kam der Druck in Richtung Reform aus den Reihen der Mönche und die Klosterleitungen spürten überall – auch in Magdeburg – die Auswirkungen von Martin Luthers Schriften. 1529 verblieben gerade einmal fünf Mönche im Kloster. Die anderen hatten es seit 1523 nach und nach verlassen. In wenigen Jahren wurde die Welt auf den Kopf gestellt, weil ein gelehrter Mönch, oder besser ein Professor und Prediger aus Wittenberg, seine Überzeugungen offen aussprach und sie nicht mehr verleugnen wollte.

1497, im Jahr der „magna concordia“, besuchte Martin Luther die Schule der Brüder vom gemeinsamen Leben in Magdeburg. Der Unterricht entsprach nicht den Erwartungen des 14-jährigen Luther und er setzte seine Ausbildung in Erfurt fort. 1505, er begann gerade als Magister das vom Vater gewünschte Jurastudium, hätte ihn fast ein Blitz erschlagen und -gerade noch mit dem Leben davon gekommen – ging Luther zu den Augustinern ins Kloster. Dort setzt er seine Blitzkarriere fort. 1507 als frisch geweihter Priester übernimmt er die Lektur für Moralphilosophie an der 1502 gegründeten Wittenberger Universität. Dort liest er die Nicomachische Ethik das Aristoteles. Parallel dazu stützt Luther sich in ein Theologie­studium. 1512 nach seiner Promotion erhält die Bibelprofessur in Wittenberg. 1514 findet man den Subprior und Leiter des Generalstudiums täglich als Prediger im Kloster und der Stadtkirche, 1515 unterstehen ihm als Distriktdiakon 15 Klöster, darunter das Magdeburger Franziskanerkloster.

Luthers Theologie wandte sich gegen den Vorrang der Logik des Aristoteles in der durch die Scholastik geprägten akademischen Ausbildung, er forderte ein unmittelbares und ein intensiveres Bibelstudium und es gelang ihm offensichtlich seine Studenten durch seine Art der Bibellektüre und -interpretation zu begeistern. Luther verband das wissenschaftliche und historische Interesse mit einer tiefen Religiosität. Die fast persönlich Beziehung zu Gott, die mit diesem Sprung in „ein deutsch Theologia“ – so der Titel des ersten eigenen Buches – begann, richtet sich vor allem gegen die institutionelle Kirche, die Religion als Handelsgut vermarktete und neben Ämterverkauf auch aus dem Aufkauf der echten und vermeintlichen Sünde ihrer Schäflein ein gutes Geschäft zu machen suchte. Gegen diese Verweltlichung der Kirche kämpfte Luther mit Vehemenz.

Gottes Gerechtigkeit sei nicht käuflich, sie sei ein Geschenk: „21. Deshalb irren alle Ablaßprediger, die sagen, durch den Ablaß des Papstes werde der Mensch frei von aller Strafe und selig. … 24. Unvermeidlich wird deshalb der größte Teil des Volkes betrogen durch jenes in Bausch und Bogen gegebene, pralerische Versprechen des Strafnachlasses. … 36. Jeder Christ, der wahre Reue empfindet, hat vollkommenen Nachlaß von Strafe und Schuld, auch ohne Ablaßbriefe. 37. Jeder wahre Christ, ob lebend oder tot, hat Anteil an alles Gütern Christi und der Kirche; Gott gewährt ihm dies auch ohne Ablaßbrief.“ (Aus Luthers 91 Thesen gegen das Ablaßwesen, zit. nach Ausgewählte Schriften, Hrsg. K. Bornkamm und G. Ebeling, Frankfurt am Main 1983.Bd. 1. S. 26 ff)

Am 31.Obtober 1517 veröffentlichte Luther diese Thesen gegen den Ablaßverkäufer Tetzel. Tetzel durfte in Wittenberg keinen Anlaßhandel treiben. Aber es gelang ihm durchaus viele Wittenberger aus der Stadt zu locken und anderenorts zu schröpfen. Auch in Magdeburg trat er auf. Der Bibelprofessor und Distriktdiakon Luther verfolgte mit seiner Kritik zunächst nur naheliegende seelsorgerliche Ziele und wendete sich ohne Argwohn gegen Papst und Erzbischof Albrecht. Ein Thesenanschlag war im Rahmen der akademischen Praxis eigentlich nichts Außergewöhnliches, es war nur die Aufforderung zu einer öffentlichen Disputation, wie sie an Universitäten üblich war. Heute wäre es das Anhelften eines Zettels am Ankündigungsbrett eines theologischen Seminars.

Doch in diesem Falle verursachte der Anschlag große Wellen und er störte nicht nur die Politik von Kaiser und Papst, sondern auch die Geschäftsinteressen der Fugger in Augsburg, die 1514 das Ablaßgeschäft für Deutschland übernommen hatten, um damit gewaltige Kredit an Kaiser und Fürsten abzusichern. Zwei ihrer Bediensteten begleiteten den Prediger Tetzel. Mit Luthers Thesen wurde das einst so sichere Geschäft mit einem Schlag riskant.

Mit Luthers Thesen waren entscheidende Worte öffentlich ausgesprochen. Sie verbreiteten sich über die Druckerpressen in rasender Geschwindigkeit in ganz Deutschland. 1518 hatten die in Bedrängnis geratenen Verteidiger der Ablaßpolitik schließlich Erfolg beim Papst mit dem Vorwurf, Luthers sei ein Ketzer. Der Prozeß konnte hinausgezögert werden und es wrude durchgesetzt, daß Luther sich auf deutschem Boden dem Gerichten von Papst und Kaiser stellen durfte. Er mußte sich also nicht die das gefährliche Rom begeben.

Auf diese Weise konnte der sächsische Kürfürst Friedrich der Weise, ein Bruder des 1513 verstor­benen Magdeburger Erzbischofs Ernst von Sachen, Luther bis 1520 noch schützen, da der sächsische Kurfürst unter den Kurfürsten eine Schlüsselrolle bei der Kaiserwahl spielte. Kaiser Maximilian starb am 12. Januar 1519. Die Kurfürsten hatten bei der Kaiserkür keinen von Maximilian nominierten Kandidaten und es gab in den folgenden halben Jahr heftige Rivalitäten um die Kandidaten: den Habsburgers Karl, den englischen König Heinrich VIII und den französischen König Franz I., wobei der Engländer allerdings keine Unterstützer fand. Friedrich der Weise wurde vom Papst noch ganz zuletzt als Kompromißkadidat ins Spiel gebracht. Er hätte möglicherweise Chancen gehabt, lehnte aber ab.

Nach der Wahl des Habsburgers als Kaiser Karl V. am 28.6.1519 – 852.000 Gulden soll dieser bei den Fuggern zur Förderung der Entscheidungsrichtung bei den Kurfürsten aufgewendet haben – nahmen die Dinge ihren bekannten Lauf.

Am 15.1.1520 schleuderte der Papst seine Bannbulle gegen Luther und forderte, dessen Bücher überall zu verbrennen. Innerhalb von 60 Tagen sollte der Wittenberger seine inkriminierten Thesen wiederrufen. Schon 1518 hatte ihn sein Beichtvater und Prior von den Ordensregeln entbunden. Als Luther aber 1520 die Bulle des Papstes öffentlich verbrannte, war der Bruch mit der Kirche endgültig.

1521 nach dem Reichstag in Worms und der Acht gegen Luther durch den Kaiser brachte Friedrich der Weise den in die Politik hinein gestolperte, störrischen Wittenberger Professor in aller Heimlichkeit auf der Wartburg in Sicherheit.

In all diesen Jahren bis 1521 trat Luther in Disputationen auf und veröffentlichte Schrift um Schrift. So brachen auch im Kloster neben der Wohnung des Bürgermeisters Ludwig Alemann heftigen Diskussionen aus. Und nicht wenige Mönche verließen letztlich – ebenso wie Martin Luther – das Kloster. Einer der ersten in Magdeburg war Johannes Fritzhans aus Leipzig, wo er 1520 den katholischen Glauben energisch verteidigte, erst kurz zuvor war er ins Magdeburger Kloster eingetreten. Luthers Verhalten muß ihn wohl beeindruckt haben, denn Fritzhans veränderte seine Haltung radikal.

In Luthers Abwesenheit nach 1521 entfaltete sich überall die soziale Dynamik der Reformation – ungehemmt ungehemmt durch die altväterliche Obrigkeitsgläubigkeit des Wittenberger Reformators. Sie verlies mit ihren neuen Predigern die Mauern der Klöster und ergriff zunächst die Städte und mobilisierte die dort immer schneller anwachsende Zahl der Armen. Dann verbreitete sie sich über das flache Land, wo noch die Leibeigenschaft herrschte, die die Stadtflüchtlinge nach einem Jahr unter den Obhut des Rates der Stadt abwerfen konnten („Stadtluft macht frei nach Jahr und Tag“, so hieß der sprichwörtlich gewordene Rechtsgrundsatz).

1525 flammten im ganzen Reich die Bauernkriege auf und der Reformator fühlte sich verpflichtete der unbeachtet verhallenden Kritik der 12 Thesen des Kirschnergesellen Sebastian Lotzer aus Memmingen in der Schrift „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der andern Bauern“ scharfe Worte hinzufügen. Er schmiedete so das Deutschland bis ins 18. Jahrhundert beherrschende Bündnis der regionalen Gewalteneinheit von Kirche und Staat, die bis heute noch in Form vom Staat eingezogenen und verteilten Kirchensteuer überlebt und spätestens mit dem Westfälischen Frieden 1648 im Rechtsgrundsatz „cuius regio, eius religio“ (das Volk hat das Bekenntnis des Fürsten anzunehmen) die deutsche Kleinstaatlichkeit prägte.

Die 12 Thesen waren das Programm der Bauernbewegung, sie wiederholten neben der neu hinzugekommenen Forderung nach freier Pfarrerwahl, das Begehren nach Aufhebung von Zehntpflicht und Leibeigenschaft, freier Jagd, ungehinderter Nutzung des Waldes, sowie die Freiheit von Frondiensten und Abgaben (Luther, a.a.O. S. 100). Erste Bauernparlamente hätten leicht Verbündete in den Städten gefunden und Walther Peter Fuchs beschreibt es nüchtern: „Nirgends hatte utopisch schwärmerische Ideen die Oberhand gewonnen. Möglichkeiten vertraglicher Einigung zur Neugestaltung des bäuerlichen Lebens unter Einschluß von Bürgertum und Adel aufgrund gemäßiger Forderungen zeichnete sich ab.“ (dtv Handbuch dtsch.Gesch. Bd 8, S. 120). Doch die Verträge zwischen Bauern und Fürsten waren nur Tarnung der Aufrüstung zur Niederschlagung aller Aufstände.

Auch in Magdeburg und um die Stadt herum brachen die sozialen Konflikte offen aus. Im Februar 1525 forderte die „gemeine Bürgerschaft“ ihre Vertreter im Rat selbst wählen zu können. Den offenen Aufruhr konnte der Bürgermeister Sturm mit Mühe durch Zugeständ­nisse verhindern. Die Zugeständnisse wurden allerdings schon im nächsten Jahr zurückge­schraubt. Außerhalb der Stadt sammelten sich die Truppen der Fürsten zur Nieder­schla­gung der Bauernaufstände. Auch der Rat stellte Soldaten, Geld und Kriegsmaterial. Die Stadträte waren fixiert auf die Verteidigung ihrer Privilegien und Monopole, die sie von den Fürsten erhalten hatten und die sie allein aus der Hand des Kaisers erneuert und verliehen haben wollten. Das führende Bürgertum war vollständig im Lehnswesen aufgegangen und die Motive der einfachen Bürger, Bedienstete, Tagelöhner, kleine Händler und Gewerbetreibende waren ihnen ebenso fremd wie dem Adel die Motive seiner Bauern.

Der Weg der Reformation hatte so eine deutliche Richtung bekommen. Die Stadtoberhäupter war zu eng mit Adel und Fürsten verbandelt, um die Chancen zu erkennen können, die eine Generalisierung der freiheitlichen und liberalen Tendenzen ihres eigenen Rechtssystems für alle gebracht hätte.

Gerade Magdeburg als Stadt, in der die fünf große Innungen, also die reichen Handwerker und Kaufleute, von Anbeginn an den Rat beherrschten, muß im norddeutschen Raum eine besondere Anziehungskraft besessen haben. Eine wenigen großen Städte Deutschland, mit großem Reichtum und einer sehr umfassenden Kontrolle über die Stadtmauern mußte es als geeignete Fluchtburg erscheinen für all jene, die aus ihren bisherigen klösterlichen Sicherheiten ins ungesicherte offene Leben heraustraten. Es wurde zum Sammelpunkt derjenigen, die das Menschenbild der neuen Zeit hinter den Vorhang religiöser, dogmatischer und liturgischer Fragestellungen heftig und oft verbissen diskutierten. Insbesondere der Streit um die Teilhabe der Gemeinde am Abendmahl oder gar über den Charakter dieser Veranstaltung und die Symbolik von Brot und Wein, aber auch das Verständnis der Taufe konnte persönliche Freundschaften beenden und auf unterer Ebene heftigste Kriege auslösen. Viele der ersten Magdeburger Reformatoren feierten im Abendmahl nur ein Essen, das die Gemeinsamkeit fördert, und vielerorts fand man „Wiedertäufer“, die an Sinn und Wirkung der Kindstaufe zweifelten und diese daher im Erwachsenenalter bewußt wiederholen wollten.

Mit diesem Diskussion war ein schnell wachsendes Interesse an der Geschichte verbunden.

So stand hinter Luthers Lebensentscheidungen auch die Entdeckung, daß viele Dogmen der Kirche erst in jüngerer Zeit entstanden waren und daß die Institution des Papstes sich nicht aus der Bibel begründen läßt. Die Lektüre der Schriften Luthers hatte – angesichts der sich schnell zuspitzenden Entwick­lungen – auch bei dem Dogmatiker Fritzhans anders gewirkt, als der damals gehofft haben mag. Er wurde im neuen Kloster zu einen entschlossenen Verteidiger des Reformators. 1523 spitzte sich die Lage zu. Dem Predigtverbot trat er wie Luthers mit dem Argument entgegen, er werde nur gehorchen, wenn man ihn aus der Heiligen Schrift wiederlege. Doch es fand sich niemand, der sich darauf eingelassen hätte.

Schon 1522 hatten die lutherischen Lehren das Augustinerkoster erfaßt. Johannes Voigt-Eisleben und Melchior Mirisch traten hierbei besonders hervor. In der Petrikirche neben dem Augustinerkloster begannen Markus Schulte und Johann Detenhagen mit der neuen Form des Gottesdienstes (Asmus S.433). Die Mönche kannten ja Luther noch aus seiner Zeit als Distriktdiakon, der das Kloster auch persönlich visitiert hatte.

Bei den Franziskanern bekämpfte der Abt weiter die neuen Lehren und für Fritzhans wurde die Lage gefährlich und unerträg­lich. Er floh 1523 aus dem Kloster und fand – just über die Straße – in Ludwig Ale­manns Haus Zuflucht und Schutz. Ludwig Alemann könnte damals Schult­heiß – also oberster städtischer Richter gewesen sein, wobei die Quellen der Genealogen nachgeprüft werden müssen. In Hertels Schultheißenliste, die der Schöffenchronik folgt, findet sich kein Schulte Ludwig Alemann für diese Zeit. Der hätte dann zu dieser Zeit als Bürgermeister immerhin im oberalten Rat gesessen und durchaus noch Einfluß auf die Stadtpolitik gehabt haben.

Der Rat war damals beileibe nicht Feuer und Flamme für die neue Formdes Gottesdienst4es und des Gemeindelebens. Noch 1521 suchten die Bürgermeister Sturm und Sülte des Erzbischof in Halle auf, um ihn zu Maßnahmen gegen die neuen Prediger zu bewegen. 1523 waren die Bürgermeister erneut bei Albrecht, um sich für ihre unruhigen und kämpferischen Bürger zu entschuldigen. Wenn Ludwig 1523 Fritzhans aufnahm, so war dies durchaus nicht Linie der Ratspolitik – vielleicht hoffte man aber auch in Fritzhans jemanden zu finden, der im Sinne des Rates auf die Bevölkerung Einfluß nehmen konnte. Ob die Aufnahme von Fritzhans und das Ausscheiden aus dem Rat in einem Zusammenhang miteinander stehen. läßt sich heute wohl nicht mehr klären. Aber man darf annehmen, daß es ein gewisses Verständnis auf Seiten des Bürgermeisters oder Schultheißen Ludwig Alemann für die Motive und Gedanken des Mönches gegeben hat, vielleicht auch eine starke Sympathie.

Fritzhans ging kurz nach seiner Flucht direkt nach Wittenberg, um Luther zu hören, kehrte aber schon 1524 zurück, um die Predigerstelle der Heiliggeistkirche anzunehmen. Denn dort war die Reformation auf dem Vormarsch. Ehemalige Mönche kamen damals auch von außerhalb in die Stadt, so der Probst des Halberstädter Johannisklosters, Dr. Eberhard Weidensee, er fand hier Zuflucht. Bekannt wurde auch ein Mönch mit dem Namen Grauert. Dieser – ein begabter Redner, allerdings noch ohne Priesterweihe – propagierte wie viele junge Mönche eher eine Reformation im Geist von Thomas Müntzer. Er hatte schnell eine große Anhängerschaft. Insbesondere sein Wirken entzweite die 1524 regierenden Bürgermeister: obwohl Niklaus Sturm (s.u. Claus Storm) dem Mönch das Predigen erlaubte, ließ sein Kollege Hans Rubin (s.u. Robien) ihm durch einen seiner Knechte eines Tages das Predigen verbieten. Doch der nutzte das Verbot, indem er mit viel Volks vor die Stadtmauern aufs freie Feld zog, um dort gegen einen zögerlichen Rat zu predigen und zur gewaltsamen Durchsetzung der Reformation aufzurufen. Trotz aller Widerstände aus dem Rat wurde Grauert als Prediger der Jakobikirche bestellt. In diesem Viertel lebten insbesondre auch die einfachen Handwerker, die Tagelöhner und die Armen, die von Lande immer stärker in die Städte strömten.

„Es haben auch etzliche Buben vom gemeinen Haufen Thomas Sultzen (dem ältesten der 6 Bürgermeister, DvA) zu schanden und schmach Briefe an funf örter der Altenstadt angeklebt, darinnen sie ihn einen langen Dieb und Stadtvorreter etc. gescholten. Das ist geschehen in der nacht nach Ausgang Sanct Margarthen tagk.“ Das berichtet der Möllenvogt Langhans (Schöffenchronik 2. Bd. S. 154).

Grauerts Predigten – aber auch die zahlreicher anderer Prediger – fielen auf fruchtbaren Boden und sie zeigten Wirkung: der Rat mußte nachgeben, er suchte ab 1523 immer deutlicher einen Weg, gemäßigte Lutheraner systematisch zu fördern. Daß sie in Fritzhans einen guten Vertreter gefunden hatten, zeigte bald sein beherztes Eingreifen bei Tumulten, wo er zur Beruhigung der Situation neben der Stimme auch einen Stock einsetzte (a.a.O. S. 153f).

Die reformierten Stadtviertel waren selbstbewußt geworden und begannen sich in den Gemeinden einen eigenen Willen zu bilden. So weigerten sich manche schlichtweg, weiter Abgaben für das Domkapitel an den Rat zu leisten. Die Ratsverwaltung wurde frontal als Handlanger des verhaßten Klerus angegriffen. So ergriffen letztendlich auch die reichen Bürger des Viertels der Ulrichkirche, in dem Ludwig Alemann lebte, die Initiative und wählten einen Gemeindeausschuß, der Dr. Eberhard Weidensee zum Pfarrer bestimmte und den katholischen Pfarrer aufforderte, den neuen Prediger und den neuen Gottesdienst neben sich zuzulassen. Dasselbe passierte in der Johanniskirche, wo Johannes Fritzhans Prediger wurde.

In den meisten anderen Kirchen der Altstadt hatte sich die Reformation schon durchgesetzt. Dort wurden beide Formen des Gottesdienstes weiter nebeneinander praktiziert. Jetzt griffen die Änderungen auch auf das Reichen- und das Regierungsviertel über und damit wuchs der Druck auf die Pfarrer, die an ihren Posten festhielten und das Alte verteidigten, enorm.

Der Oberschicht und der Rat konnte aber nicht bei Halbheiten stehen bleiben, wollte er die Führung wieder in die Hand bekommen. Die Zeit wurde knapp. So rief man Luther zur Vermittlung in die Stadt und führte mit seiner Unterstützung die Reformation in ganz Magdeburg durch.

Ludwig Alemanns Zeit als regierender Bürgermeister fiel in die Jahre 1505 bis 1520, bis 1522 saß er vermutlich im oberalten Rat. Außer dem Bericht über die Aufnahme von Fritzhans in seinem Hause ist wenig bekannt . Er stand wohl eher im Hintergrund.

Die großen Bürgermeister der Reformationszeit waren Thomas Sülte, Henning und Claus Sturm, Heinrich Westphal, Hans Robin.

Bürgermeister in Ludwig Alemanns Amtszeit

Name Funktion von-bis (3-Jahres-Wechsel)
Thomas Sülze 1. Bürgermeister 1496-1526 30 Jahre
Ludewig Aleman 2. Bürgermeister 1505-1520 15 Jahre
Hanß Robien 1. Bürgermeister 1506-1524 18 Jahre
Thomas Rode 2. Bürgermeister 1500-1512 12 Jahre
Thomas Aleman 2. Bürgermeister 1515
Claus Storm 2. Bürgermeister 1518-1536 18 Jahre
Hanß Aleman 1. Bürgermeister 1498-1507 9 Jahre
Heinrich Westphal 1. Bürgermeister 1510-1531 21 Jahre
Henning Storm 2. Bürgermeister 1498-1523 25 Jahre

Ludwig Alemann führte im regierenden Rat das Wort immer gemeinam mit Thomas Sülte. Sülte war der erfahrene, ältere von beiden. 30 Jahre (1496 bis 1526) war er im Amt, doppelt so lange wie Ludwig Alemann, der seit 1505 immer 2. Bürgermeister war. In den Quellen erscheint Sülte häufig, so 1518 zusammen mit Claus Strom und Heinrich Westphal, die mit 96 Pferden dem Erzkanzler des Kaisers und frisch geweihten Kardinal Albrecht vor den Stadttoren empfingen, oder 1521 gemeinsam mit Nicolaus Sturm, wo er am Hof des Erzbischofs das Verbot des Verkauf lutherischer Bücher forderte, oder 1523 zusammen mit Hennig und Nikolaus Sturm sowie die Kämmerer Jakob Gericke in Halle, als die Bürgermeister um Nachsicht baten, da der Rat „dem Treiben der Menge keinen Einhalt mehr thun“ könne, und so weiter bis 1524. An diesen Dokumenten kann man auch sehr gut erkennen, daß der gesamte Rat aus drei gleichen Teilen bestand, von denen jeweils einer die Geschäfte führte, während die anderen bei Verträgen und Verhandlungen hinzugezogen wurden, so 1521 Storm, Sülte und Westphal als 1. Bürgermeister im regierenden, alten oder oberalten Rat. Sülte scheint fast regelmäßig zu Hilfe gerufen worden zu sein. Er gehörte schon zu denen, die „concordia magna“, den Vertrag von 1497 mit dem Erzbischof Ernst von Sachsen aushandelten. 1513 starb dieser Erzbischof. Sein beeindruckendes Grabmal schmückt die Marienkapelle im Dom. Ihm folgte der jüngste Sohn des Kurfürsten Johann Cicero von Brandenburg. ein Fürst mit ehrgeizigen Plänen. Er hat all seine Söhne in den Machtzentren positioniert. Seinem Jüngsten, Albrecht von Brandenburg, – 1508 mit 18 Jahren schon Domherr in Mainz – genügte das Amt des Magdeburger Erzbischofs nicht. Denn am 9. März 1514 kaufte er sich für 30.000 Gulden das Amt des Erzbischofs von Mainz hinzu. 21.000 Gulden liehen ihm die Fugger.

Zur Deckung der Schulden genehmigte der Papst dem jungen Kirchenfürsten jenen gigantischen Ablaß, der dem Bau des Petersdoms zukommen sollte. Mit dieser Kirche wollte Rom endlich die Hagia Sofia in Istanbul, das Symbol der Ostkirche, übertrumpfen. Die Hälfte des Ablaßergebnisses hatte Albrecht sich aber in einem Geheimabkommen zur Schuldentilgung abtreten lassen.

Dieser Ablaßhandel war – über Luthers Person – Auslöser von Reformation und Gegenreformation. Der damals 23-jährige Albrecht war ein Kind seiner Zeit, gebildet und weltoffen, er stand in Kontakt mit Erasmus von Rotterdam und den Humanisten. Mehr noch aber entsprach sein ganzes Verhalten seinem Stand und den Interessen von Fürsten und Kaiser, dessen Erzkanzler er wurde. Albrecht residierte in Mainz und war in Magdeburg kaum präsent. Von zwei Besuchen wird berichtet, von der Huldigung 1514 und von dem Empfang des frisch ernannten Kardinals Albrecht 1518. Wenn er in Sachsen weilte, wohnte er in der Moritzburg in Halle.

Vor Ort vertrat den Stadtherrn das Domkapitel, das ohne direkte Weisungen oft lokale Interessen in den Vordergrund stellte. So mußten der Rat immer wieder direkt Kontakt mit dem Erzbischof suchen. Viele der Entscheidungen dieses Kirchenfürsten sind eher moderat und er war bestimmt kein militanter Vertreter der katholischen Partei. So verglich er sich in vielen Fragen mit dem Rat der protestantischen Stadt.

Thomas Sülte, Hans Robin, Henning und Claus Storm sowie Heinrich Westphal führten in der entscheidenden Phase der Jahre 1523-1525 im Rat der Altstadt das Wort. Ludwig Alemann lebte nach seinem Ausscheiden aus dem Rat noch bis 1543. In diesen Jahren überschlugen sich die Ereignisse, bis schließlich 1550 nach dem Schmalkaldischen Krieg der protestantische Fürst Moritz von Sachsen im Namen des katholischen Kaisers Karl V. die geächtete Stadt Magdeburg belagerte.

In dieser Zeit spielen Alemann-Bürgermeister wieder eine entscheidende Rolle: insbesondere Heine Alemann (1494-1554) und die beiden Ebeling Alemann (1483-1552/1515-1573), auf die in eigenen Portraits eingegangen werden soll.

Von Ludwig Alemann ist zu wenig bekannt, um an Hand seiner Person die politischen Ereignisse weiter verfolgen. Immerhin gibt es aber in der Stadt eine Erinnerungszeichen: seinen Epitaph, der jetzt vor der Wallonerkirche steht. Den unteren Teil schmückt das groß ausgearbeitete Alemannwappen mit einer schwungvollen, ausladenend dimensionierten Helmzier, darüber in großen Lettern – auf dem Foto teilweise schwer lesbar – folgender Text:

„Anno domini 1543 am Dinstage nach Nicolai des morgens zwischen [?::::::?] schlegen ist der erbar Lodwich Almann de older seliger in got verstorben und war [?75 Jahr als Gots Gnaden der?::::::] Amen“