Ecclesiastica Historia

Magdeburger Centurien

das 1. wissenschaftliche Großprojekt der Neuzeit

Ein nicht nur in Magdeburg weitgehend unbekanntes, für die Stadt und die deutsche Geschichte aber sehr wichtiges historisches Ereignis ist ein von Matthias Flacius initiiertes und von Johann Wigand geleitetes Projekt der Reformationszeit, das sich zum Ziel setzte, die „wahren Geschichte“ der christlichen Kirche vom Anfang bis zum Ende der damaligen Zeit erstmals vollständig  zu beschreiben. Diese Arbeit wurde mit Erfolg anhand von Quellen und durch Kritik der bisherigen Quellennutzung auf neue Art durchgeführt.

So entstanden in „dem ersten wissenschaftlichen Großprojekt der Neuzeit“ (so im Katalog zur Ausstellung in der Universitätsbibliothek Magdeburg)  durch die Zusammenarbeit der in Magdeburg versammelten Wissenschaftler und Theologen – gefördert von Vertretern des Rates und der Fürsten – die später so genannten „Magdeburger Centurien“.

Sie richteten sich gegen die Ansprüche der katholischen Kirche und wurden – wegen der in ihnen enthaltenen Polemik – notwendiger Weise zum Auslöser heftiger Gegenpolemik… aber auch – und das wird meist übersehen – zum Impuls für eine neuartige ernsthafte (Kirchen-)Geschichtsschreibung.

Jedem nachchristlichen Jahrhundert ist ein Band gewidmet – daher der populäre Name „Magdeburger Centurien“. Jeder dieser Bände hatte einen gleichmäßigen systematischen Aufbau, der sich durch die thematische Gliederung grundsätzlich von der bisherigen chronologischen Auflistung unterscheidet.

Bisher blieb dieses Werk in Gedenk- und Jubiläumsjahren meist unbeachtet. Dankenswerterweise fand es bei den Magdeburger 1200-Jahrfeiern dennoch einen Platz: Am 10./11.11.2005 versammelte sich im neu rennovierten Sitzungssaal des Rathauses am Alten Markt unter der Leitung des Stadtplanungsamtes Magdeburg eine teilweise hochkarätige Runde zur Tagung „Die Magdeburger Centurien“, um sich zwei Tage lang mit diesem Werk, seiner Bedeutung und seinem Umfeld zu befassen.

Obwohl der Rektor der Universität (der Historiker Prof. Dr. Pollmann) ein Grußwort sprach und obwohl die Universität durch die parallel eröffnete kleine Ausstellung in der Universitätsbibliothek ihr Interesse am Thema nachdrücklich bezeugte, glänzten nachzu alle wichtigen Magdeburger Historiker bei dieser Veranstaltung durch Unsichtbarkeit.

Von der „Kampfzeit“ der Reformation und der Rolle Magdeburgs in dieser Epoche kennt man meist nur das Stichwort: „Unseres Herrgotts Kanzlei“ – eigentlich ein Wittenberger Schmähwort. Die Hintergründe des damaligen „Theologengezänks“ und der Windungen und Wendungen der Ratspolitik sind alles andere als einfach zu erforschen, darzustellen und zu begreifen.

Ein Versuch, die damalige Zeit aus der Sicht der heutigen zu erfassen und zu begreifen, konnte auch von der Tagung am 10/11.11.05 nicht erwartet werden. Sie konnte aber immerhin ein Gespür fördern dafür, daß es hier um mehr ging als um Geschrei und Intrigen, dass damals vielmehr ungewöhnliche Gedanken gedacht und neue Wege beschritten wurden, die bis heute unser Lebens- und Zeitgefühl prägen.

Dr. Eckart W. Peters (Leiter des Stadtplanungsamtes Magdeburg) und Dr. Günther Korbel aus Göttingen werden gemeinsam mit den Referenten einen Band zu den Centurien herausgeben, dem zu wünschen ist, dass er das Interesse am diesem Thema und die Bekanntheit der Centurien insgesamt fördert.

Neben der Tagungsleiterin Dr. Martina Hartmann (Uni. Heidelberg) bereicherten insbesondere Vertreter der großen Quellensammelungen  – Dr. Arno Mentzel-Reuters (Bibliotheksleiter der Monumenta Germaniae Historica, München) Prof. Dr. Helwig Schmidt-Glintzer (Direktor der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel) die Tagung. Sie betonten die überragende Bedeutung der Centurien (oder Zenturien) für die Geschichtsforschung an der Schnittstelle von Mittelalter und Neuzeit.

Die weiteren Referenten lieferten viel Material zum Bild der Zeit, in der das Projekt durchgeführt wurde. Insbesondere wurde die Aufmerksamkeit auf Johann Wigand und die Stadt Wismar gelenkt, wo dieser zuletzt wirkte und die meisten Bände der Centurien geschrieben hat.

Es ist klar, daß die Tagung ein von Akademien und Universiäten organisiertes, notwendig interdisziplinäres Projekt nicht ersetzen konnte oder wollte. Es liegt jetzt an den Wissenschaftsinstitutionen und den Verantwortlichen an den entsprechenden Fakultäten – aber auch an der Politik auf lokaler und überregionaler Ebene, ob das Notwendige in diesem Bereich getan oder nicht getan werden kann.

Allgemeine Information

Die Centurien-Originale befinden sich seit kurzem voll digitalisiert unter der Adresse:

http://www.mgh-bibliothek.de/digilib/centuriae.htm

Dieses Projekt wurde auf der Tagung vom 10/11.11.2005 von Dr. Arno Mentzel-Reuters vorgestellt.

Überblicksinformation zur Sekundärliteratur und zu Links gibt es unter:

http://de.wikipedia.org/wiki/Magdeburger_Centurien

Hier findet man unter den Literaturangaben zu Hartmann/Reuters auch den der Ausstellung, die in München und Magdeburg gezeigt wurden:

http://www.mgh-bibliothek.de/etc/dokumente/a130951.pdf

Es gibt hier aber auch den Hinweis auf Dissertation von R. Diener (in Englisch).

 

Hingewiesen werden soll insbesondere auch auf das Buch der Tagungsleiterin Frau Dr. Martina Hartmann, das allerdings eher auf Flacius Illyricus und seine Rolle als Erforscher des Mittelalters ausgerichtet ist.