Heine Alemann

Heine Alemann (1420-1499)

Heine Alemann war zwischen 1465 und 1477 viermal Kämmerer und zwischen 1477-1495 achtmal Bürgermeister, danach Schultheiß. Zusammen mit seinem Bruder Heinrich Alemann (1425-1506) lenkte er die Geschicke der Bürgerstadt. Auf Augenhöhe verhandelten sie mit dem Stadtherrn, Heine als Schiedsrichter, Heinrich als Unter­händler und Ratsgesandter.  Am Ende stand die „concodia magna“, der Stadtfrieden von 1497. Mit Heine und Heinrich begann eine Kette von Alemannbürgermeistern, die mit wenigen Unterbrechungen bis in das Jahr 1620 reicht.

Heine Alemann wurde um 1420 herum geboren und der starb in hohem Alter am 12. März 1499. Sein Vater war Heinrich Alemann (ca. 1395-1464), Innungsmeister der Krämer und ein wichtiger Ratsherr. Er wirkte im Hintergrund und wurde zweimal als Gesandter zum Rat zum Kaiserhof geschickt. 1433, in einem Krisenjahr, war er Bürgermeister und ab 1438 Schöffe. Die Mutter Helene Bilring hatte einen Bruder, Hans Bilring, der mit ihrem Ehemann zusammen im Schöffengericht saß. In den ersten zwei Dritteln des 15. Jahrhundert war Vater Heinrich der einzige Alemann unter den Bürgermeistern. Das änderte sich mit seinen Söhnen. Die beiden Brüder studierten 1447 in Leipzig und Erfurt. Danach verband sie eine langjährige gemeinsame Karriere im Rat.

Die Jugendzeit: Die Familien Keller und Jordans führen das Wort im Rat

Der Rat wurde in der Zeit von 1385 bis 1477 von den Familien Keller, Müller und Jordans dominiert, neben denen es zahlreiche andere, herausragende Bürgermeister gab:

•  aus der Familie Keller Rolf, Lüdecke und Gerecke (1384-1472),
•  aus der Familie Müller Heidecke und Heinrich (1415 und 1474).
•  dann Arndt Jordans, der ältere: 1408-1422, der Jüngere: 1422-1448,
•  aus der Familie Feuerhake viele Jahre Werner Feuerhake (1401-1419),
•  Heise Rulfs (1423-1463),
•  Claus Klumpsilber (1408-1421) und andere.

Vom älteren Arndt Jordans, der als Oberster der städtischen Truppen die Kämpfe mit dem Stadtherren leitete,  berichtet die Schöffenchronik, dass er vom Bürgermeisterkollegen Hans von Schore 1445 in die Neustadt vertrieben wurde, weil sich der Erzbischof über ihn  beschwerte (Schöffenchronik S. 384, Wolter Mdbg. S. 68). Hans Schartow, Klaus Klumpsilber, Ciriax von Burg und Heinrich Hasse werden erwähnt als Verantwortliche für den Bau der ersten steinernen Elbbrücke anstelle der alten Holzbrücke, die durch ein Hochwasser zerstört war (Wolter, Mdbg. S. 67).

Die Familie Alemann scheint von 1385 – 1477 ihren Einfluss im Hintergrund geltend gemacht haben. Sie stellte wohl durchgängig Ratsmänner und wurde bei besonderen Anlässen als Geldgeber und Vermittler aktiv. 1385 übergab der Großvater Heyne Alemann (ca. 1325-ca. 1390) nach 22 Jahren das Bürgermeisteramt für die nächsten 20 Jahre (bis 1405) an seinen Schwager Rulf vom Kellere. Sein Enkel Hans Alemann, ein weiterer Bruder von dem Heine, um den es hier geht, war mit Rudolf Kellers Enkeltochter Katerina verheiratet. Rudolf (Rulff) Kellers Sohn Ludecke war über Jahre zusammen mit Heine Alemann Bürgermeister. Im Folgenden zeigen wir zwei Listen mit den Bürgermeistern und Schöffen dieser Familien:

Bürgermeister der Familien Alemann und Keller im 15. Jhr.

von Name Funktion
1373 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1376 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1382 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1385 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1385 Rulf vom Kellere 2. Bürgermeister
1388 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1391 Rulff von Kellere 1. Bürgermeister
1394 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1397 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1400 Rulff von Keller 1. Bürgermeister
1405 Rulf von Keller 1. Bürgermeister
1412 Lüde von Keller 1. Bürgermeister
1415 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1419 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1422 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1429 Lüdecke von Keller 1. Bürgermeister
1432 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1433 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1441 Lüdecke Keller 2. Bürgermeister
1444 Lüdecke Keller 2. Bürgermeister
1446 Gericke Keller 1. Bürgermeister
1451 Lüdeke Keller 1. Bürgermeister
1452 Gereke von Keller 2. Bürgermeister
1454 Lüdeke von Keller 1. Bürgermeister
1455 Gerike Keller 1. Bürgermeister
1458 Gereke von Keller 1. Bürgermeister
1466 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1469 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1472 Gerke von Keller 1. Bürgermeister
1477 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1480 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1482 Heine Aleman 2. Bürgermeister
1483 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1485 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1486 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1488 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1489 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1491 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1492 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1494 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1495 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1497 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1498 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1500 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1501 Hans Alemann 1. Bürgermeister
1503 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1504 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1505 Ludewig Aleman 2. Bürgermeister
1507 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1508 Ludewig Aleman 2. Bürgermeister

Schöffen der Familien Alemann und Keller im 15. Jhr.

von Name Funktion
1371 Hans von Kellere Schöffe
1388 Kone Konninge (Korling) Schöffe
1388 Heyn Alman Schöffe
1393 Johan (Hans) Aleman Schöffe
1409 Hans Konningh (Korling) Schöffe
1422 Ludeke vom Kellere der junge Schöffe
1438 Hinrik Alman Schöffe
1464 Ludeke vom Kellere Schöffe
1464 Ludeke Alman Schöffe
1477 Hans Alman Schöffe
1478 Johan Alman Schöffe
1478 Bartholomeus vom Kellere Schöffe

Mit den Brüdern Heinrich (ca. 1425-1506) und Heine Alemann (ca. 1420-1499) begann erstmals eine Kette von Alemann-Bürgermeistern, die bis ins 17. Jahrhundert nur wenige Unterbrechungen hatte. Heine Alemann übernahm sein erstes Bürgermeisteramt nachdem Gerecke vom Kellere aus dem oberalten Rate ausschied. Heine war 5 mal Kämmerer (1458-1474), 8 mal Bürgermeister (1477-1495) und schließlich bis zu seinem Lebensende Schultheiß (1495-1499), sein Bruder Heinrich war 1 mal Kämmerer (1479) und bis zu seinem Tode 7 mal Bürgermeister (1483-1506). Heine Alemann war der erste  Schultheiß mit dem Namen Alemann. In der von Hertel veröffentlichten Liste heißt es dazu:

„Anno 1495 wardt Heine Alman tho der tydt Bürgermeister von der gemeinheitt wegen, eyn olt man, thom Schulten gekorn, lieth dem Rade Anno 1499 Dingsdages nach Francisci (8. Oktober) widder dangken durch Hanse Alman, Bürgermeister, synen Szon, Johan und Hans Alman Schepen, als he unmacht haluen in egener person vor dem sittenden Radt nicht kommen konde.“

Mein Übersetzungsversuch: „Im Jahre 1495 wurde Heine Alemann, zu dieser Zeit Bürgermeister als alter Mann von der Bürgerschaft zum Schulzen gekoren, er ließ dem Rat im Jahre 1499 Dienstags nach Franziskus (am 8. Oktober) seinen Dank ausrichten durch Hans Alemann, Bürgermeister, seinen Sohn, Johann und Hans Alemann, Schöffen, als er einer Ohnmacht halber (?) nicht selbst vor dem regierenden Rat erscheinen konnte.“

Der Rat und der Kampf um die Stadtfreiheit

Es lohnt sich, einen Blick auf die politischen Ereignisse des Jahrhunderts vor 1477 zu werfen, zurück bis hin zu der Zeit, in der das Portrait des Großvaters Heyne Alemann abbricht.

Nach den heftigen Wirren um kurzlebige Erzbischöfe, die Kaiser und Papst gegen den Willen des Domkapitels einsetzten, gab es plötzlich eine geradezu  überwältigende Kontinuität auf dem Erzbischofsstuhl.  Nicht nur, dass Kaiser und Papst die Vorschläge des Domkapitels akzeptierten, auch die Amtszeiten der Fürstbischöfe rechneten sich in Jahrzehnten:

Magdeburger Erzbischöfe im 15. Jhr

1383-1403 20 Jahre Erzbischof Albert IV (von Querfurt)
1403-1445 42 Jahre Erzbischof Günter II (von Schwarzenburg)
1445-1464 19 Jahre Erzbischof Friedrich III (von Beichlingen)
1465-1476 11 Jahre Erzbischof Johann (von Baiern)
1476-1513 37 Jahre Erzbischof Ernst (von Sachsen)

Keiner dieser Erzbischöfe war ein Kleriker wie zuletzt Dietrich Portitz (1361-1367), der Sohn eines Stendaler Tuchmachers, der nach seiner Karriere als Kleriker und Fürstenberater zum Erzbischof berufen wurde. Nur noch die Söhne der Fürstenhäuser hatten eine Chance. Vielleicht erklärt sich die neue Kontinuität aus der wachsenden Macht und Stabilität der Territorialgewalten und aus der Fähigkeiten der Territorialfürsten, den Landadel über die Landstände an sich zu binden.

Die Zeiten wurden dadurch nicht ruhiger. Im Gegenteil: es gab fortwährend schwere außen- und innenpolitische Konflikte. Als 1384 Wenzel der Faule, Sohn des verstorbenen Kaisers Karl IV, die Regierung übernommen und den Magdeburger Erzbischof Albert IV zu seinem Kanzler gemacht hatte, erhielt dieser das Recht, Landrichter im Reiche zur Durchsetzung des Landfriedens (nach westfälischem Recht) einzusetzen. Es liegt auf der Hand, dass die Städte eingebunden werden sollten, und für den Fürsten des Erzstiftes Magdeburg waren das natürlich an erster Stelle „seine“ Städte Magdeburg und Halle. Doch Magdeburg weigerte sich:

„… unde de borgere von Magdeborch worden mannigerlei wis mit listen und mit drawe geeschet, dat se den lantvrede scholden loven und schweren, aber se wolden des nicht don, umme den willen dat on duchte dat vele Stucke in dem landvrede werden wedder dat gemeine Sassenrecht und ok wedder das stad recht. (Schöffenchronik S. 288)“

 Mein Übersetzungsversuch: “ … und die Bürger von Magdeburg wurden mit mancherlei List und Drohung gedrängt, den Landfrieden zu geloben und zu beschwören, aber sie wollten das nicht tun, weil sie dachten, dass viele Teile des Landfriedens dem allgemeinen Sachsenrecht (vermutlich der Sachsenspiegel) und auch dem althergebrachten Stadtrecht widersprachen.“.

1385 erließ der eingesetzte Landrichter gegen die Stadt, die zuvor den Erzbischof im Kampf gegen Raubritter unterstützt hatte, eine Geldstrafe und der Stadtherr versuchte, den Rat zum Schwur auf den Landfrieden zu zwingen, indem er die Rückerstattung dieser Strafe von diesem Schwur abhängig machte.

Der Magistrat lehnte das ab und andere Städte Sachsens schlossen an.  Heyne Alemann und Rudolf Keller werden als Bürgermeister die Weichen für diese Politik gestellt haben. So scheiterte die Initiative für einen allumfassenden Landfrieden schon 1397. In den aufstrebenden fürstlichen Territorial­gewalten zeigte sich aber schon die Kraft eines Staatwesens, das in der Neuzeit zu voller Größe heranwuchs. Die freien Städte drohten ihre Autonomie zu verlieren und sie reagierten darauf mit Bündnissen, insbesondere mit ihrer Organisation in der Hanse. Magdeburg wurde so zur Vorstadt der sächsischen Hanse. Parallel zur Herausbildung der neuen Territorien mit ihren Staatswesen wuchs die Hanse in fast zwei Jahrhunderte zu einer mächtigen Kraft heran.

Noch schwieriger als die äußeren Konflikte und Bündnisse waren die Probleme des Alltags im Stadtleben. Nicht nur Pestwellen rasten mit scharfer Sense immer wieder durch Häuser und Straßen, auch die Wut über die Geldentwer­tung durch die Münzpolitik der Erzbischöfe schwelte zwischen 1400 und 1430 im Untergrund solange, bis sie in hellen Flammen aufloderte. Die Entwertung betraf insbesondere das „Kleingeld“ und dessen Nutzer: die ärmeren Stadtbewohner.

Jährlich zweimal wurden die Pfennige neu geprägt und das Altgeld musste von den Städtern in der erzbischöflichen Münze auf dem Alten Markt umgetauscht werden. Bei jeder Neuprägung gab es die Verlockung, durch Münzverschlechterung die klamme Bischofskasse aufzufüllen. 1399 ließ der Erzbischof Albrecht IV wieder einmal (wie schon 1390) den Gehalt an Edelmetall in den Münzen für den alltäglichen Gebrauch verringern, er verdoppelte dadurch die Pachten und Mieten. Das rief unter den Bürgern helle Empörung hervor.

Der Rat entzog den Domherren seinen Schutz und öffnete so die Schleusen für eine Volkswut, die sich auch gegen ihn selbst richtete. Die Domherren flohen aus der Stadt und der Domprobst untersagte im Gegenzug den Bauern im Umland und den Vorstädten, Magdeburger Vieh auf Sommerweide zu nehmen. Er störte zudem Fährbetrieb und Fischerei auf der Elbe. 1401 flohen auch die Münzer und die Münze auf dem Alten Markt lag still.

Da so keine guten Pfennige geprägt werden konnten, blieben die neuen Münzen im Verkehr. Da die landesherrliche Obrigkeit geflohen war, war plötzlich der Rat im Ziel des Aufruhrs. Die Geldentwertung traf die Pfennigbenutzer, die vom Kleinhandel und vom Gewerbe lebten, und sie traf deren Kundschaft, wenn Preise wegen der Entwertung erhöht wurden. Am 14. September 1402 versammelte sich der „Pöbel“, wie die Historiker des 19. Jahrhunderts sich auszudrücken pflegten, geführt von den kleinen Innungen, den Beckenschlägern, Schmieden und Knochenhauern. Aber auch Schuhmacher und Kürschner, die zu den fünf großen Innungen gehörten, mischten sich unter das Volk, das  durch Bürger aus den Vorstädten verstärkt wurde. Die Altstädter hatten ihnen die Tore geöffnet. Die Menge stürmte das Rathaus, setzte den Rat ab, drang in die Domfreiheit ein und ver­wü­ste­te dort die Domherrenkurien und die Klöster. Wie immer spielten die Innungen eine Doppelrolle, denn die Anarchie in der Stadt hatte ihre eigene Logik und ihre eigene Struktur: Am nächsten Tag wurden alle Bürger auf den alten Markt befohlen, und dort wurde einen neuer Rat gewählt und man setzte die alten Währungsrela­tionen wieder in Kraft „bis die Pfennige eine feste und dauerhafte Geltung besitzen“.

Wirtschaftlich kam das die Stadt teuer zu stehen, da ja um die Stadt herum die Preise des Erzbischofs weiter galten. Das traf auch die Reichen und jenen Handel, der die Stadtgrenzen überschritt. Das Konfliktpotential zwischen der Altstadt und dem Umland wurde verschärft, weil jetzt auch die Oberschicht ihre Interessen gefährdet sahen. Im folgenden Jahr eskalierte der Konflikt bis in die Nähe eines offenen Krieges. Da sich die Bürger die notwendigen Lebensmittel mit Gewalt verschafften, erklärte Erzbischof Albert die Stadt für ehr- und rechtlos. Doch im Februar 1403 vermittelte Alberts Nachfolger Günter von Schwarzberg einen Frieden. Unter dem neuen Erzbischof ging es der Stadt anfangs aber dennoch nicht besser, als unter dem vorherigen. Die Konfrontation zwischen Dom und Rathaus verschärfte sich. Domherren und Erzbischof, der Landadel und der Fürst wollten gemeinsam die Stadt dominieren.

Neben den Kurien des Domkapitels (den Wohnhöfen der Domherren) und den Klöstern findet man in der Domfreiheit Adelshöfe, die sich  an der Grenze zwischen Dombezirk und Bürgerstadt ansiedelten. Sie organisierten in großen Teilen den Handel mit Agrarprodukten und betrieben Lobbypolitik. Erschwerend kam hinzu, dass auch die reichen Stadtbürger und der Magistrat selbst in vielerlei Hinsicht durch Lehnsverhältnisse an Fürsten und Landadel gebunden waren und so teilweise die gleichen Interessen verfolgten wie der Landadel. Denn den Patrizierfamilien und dem Rat gehörten ja ganze Dörfer, Burgen und Güter, die bewirtschaftet und verteidigt werden mussten. Die Politik des Rates war daher nie ganz eindeutig. Sie glich nicht selten einem Eiertanz. So führte Erzbischof Günter mit Unterstützung der Stadt einige Kriegszüge gegen Raubnester auf dem Lande, bekräftigte aber zugleich seine Ansprüche als ein Stadtherr, der sein Amt ausfüllen will, ohne durch „alte Abkommen“ in seiner Macht und seinem Recht eingeschränkt zu werden. Im seinem ganzen Verhalten erinnerte er Erzbischof Günter zudem kaum noch an einen Kirchenmann:

„Hatte schon sein Vorgänger als Wort- und Eidbrecher, als Schuldenpreller und Frauenheld nicht das Vorbild eines Landesherren und Kirchenhirten gegeben, so übertraf ihn Günther noch. Theologisch nicht vorgebildet, lehnte der Jüngling es zunächst sogar ab, sich von seiner Lockenpracht zu trennen. Als Erzbischof vernachlässigte er gänzlich seine geistlichen Pflichten, hielt mehr als drei Jahrzehnte lang nicht eine einzige Messe und wohnte fast immer in aufwendiger weltlicher Tracht den Gottesdiensten bei. Unsummen gab er aus für Gelage, Tanzfest und Jagden.“ (Asmus, S. 374)

Diese deftige Schilderung ist sicher nicht ganz unzutreffend. Sie erlaubt auch einen Einblick in die Motive der Unterstützer der Reformation des kommenden Jahrhunderts, die ja eigentlich schon mit Johann Hus begann. Diese wurde 1415 vom Konstanzer Konzil, wo er sich verantworten wollte, gegen die Zusagen des Kaisers verbrannt. 1420 starb auch in Magdeburg ein hussitischer Prediger, Jakob Kremer, auf dem Scheiterhaufen. Rund um Magdeburg herum gab es zu dieser Zeit viele politische und religiöse Unruhen. Die Hansetage mussten sich verstärkt mit ihnen befassen und die verbündeten Städte hatten einander viel Unterstützung zu leisten. 1424 musste ein Aufstand in Halberstadt geschlichtet werden. 1427 griff die Hanse auch in Halle ein. Das war die Stimmung in der Stadt, als Heine und Heinrich das Licht der Welt erblickten.

In den hussitische Kriegen kämpfte die Stadt bis zum Jahre 1431 auf der Seite der kaiser­lichen Truppen. In Nürnberg bestätigte der Kaiser Sigismund – offensichtlich in einem recht guten Einvernehmen mit der Stadt – einer Delegation des Altstadtrates (Hans Wennemar, Heinrich Alemann, Johann Jordan) alle alten Rechte. Doch im gleichen Jahr wendete sich der Wind. Scheinbar ohne Grund verließ das Domkapitel mit all seiner Habe plötzlich die Stadt. Offensichtlich plante es einen neuen Angriff auf die Rechte der Altstadt. Der Erzbischof erklärte dann auch Anfang 1432 der Stadt ganz offen den Krieg. Zunächst suchte der Rat noch nach Vermittlern. Er bereitete sich aber zugleich energisch auf einen Waffengang vor.

Bürgermeister Arndt Jordans, von dessen späterer Vertreibung aus der Altstadt oben berichtet wurde, hatte die Führung. 1433 – Heines Vater Heinrich Alemann war Bürgermeister – bannte Erzbischof Günter die Stadt. Er hatte sich aber verrechnet, denn Magdeburg wandte sich an die Hanse. Im Bündnis mit den sächsischen Hansestädten fügte die Altstadt dem Stadtherrn rund um Magdeburg Niederlage um Niederlage zu. Seine Schlösser und Festungen fielen in die Hände der Stadt. Der Erzbischof musste beim Kaiser und beim Konzil in Basel Hilfe suchen und von dort kamen Signale, die ihm günstig zu sein schienen. Doch bis 1434 wurden in Abwesenheit von Erzbischof und Domkapitel die Stadtmauern in der Domfreiheit neu befestigt, die Herrenpforte des Domkapitels geschlossen und eine hoher Turm an der Mauer hinter dem Palast des Erzbischofs errichtet werden.

Als beiden Seiten das Geld ausging, kam es zu einem Vergleich, der den Magdeburgischen Krieg abschloss. Die Stadt erwarb die volle Befestigungshoheit. Sie musste dem Erzbischof und dem Domkapitel nur noch die freie Ein- und Ausfahrt durch die Herrenpforte gestatten und zusichern. Die Kontrolle der Außengrenze lag so fest in der Hand des Rates.

Nach all diesen Kriegen und Niederlagen endete die Amtszeit Günthers mit einer Stärkung der Stadtrechte und einem gigantischen Schuldenberg für den Erzbischof. Es heißt, dass Günter sich in seinen letzten Tagen der geistlichen Pflichten besann und für seine Nachfolge Vorkehrungen traf, die man so nicht erwarten durfte. Sein Nachfolger war zwar ebenfalls ein Laie. Friedrich von Beichlingen fehlte – wie es heißt – jede geistliche Ausbildung. Aber er war im Unterschied zu Günther ein religiös gesinnter Mann und führte ein eher asketisches Leben. Erzbischof Günther bestimmte ihn auf dem Sterbebett zum seinem Nachfolger und das Domkapitel, der Kaiser und auch der Papst folgten seinem Beschluss. Erzbischof Friedrich machte den Domprediger Dr. Heinrich Tocke zu seinem Lehrer und Berater. Beide gemeinsam brachten ernsthafte Reformen des Kirchen- und Klosterlebens auf den Weg. Von Tocke ist der Satz überliefert:

„Der Papst ist ein Sohn der Kirche, also muss er der Kirche gehorchen. Dass der Papst von niemandem gerichtet werden könne, … scheint falsch zu sein.“ (Asmus, S. 385).

Ein kurzer Blick in die Vorzeit der Reformation
In diese Zeit fällt die Jugend der Brüder Heinrich und Heine Alemann. 1455 wird Heine Alemann wohl schon im Rat gesessen haben, als dieser gemeinsam mit den Schöffen die Kirchenreform energisch unterstützte. Diese Fragen wurden auch auf dem großen Konzil in Basel (1431-1449) diskutiert. Tocke vertrat dort den Magdeburger Erzbischof. Als Gesandte des exkommunizierten Erzbischofs von Trier nahm auch dessen Sekretär, Nicolaus von Kues an diesem Konzil teil. Nicolaus von Kues ist bis heute vor allem durch seine Philosophie bekannt. Wie kein anderer steht er zeitversetzt neben Descartes an der Schwelle zur Neuzeit. Er wechselte die Fronten, als er das Konzil 1437 verließ, um als Kardinal und als Gesandter des Papstes beim Kaiser Johannes VIII. in Konstantinopel für die Einheit der Weltkirche zu werben. 1451 erschien er während einer Inspektionsreise durch ganz Deutschland in Magdeburg bei einer Synode. Zwei Jahre später wurde Konstantinopel von Sultan Mehmet II erobert und der letzte byzantische Kaiser Konstantin XI abgesetzt. Das gab dem den größten Weltkonflikt der damaligen Zeit, der „Türkengefahr“, eine ganz neue Dimension.

1453 predigte ein weiterer Gesandter in päpstlichem Auftrag acht Tage lang auf dem Alten Markt gegen den Sittenverfall und für den Kreuzzug gegen die Türken. Der Franziskaner Capestrano war ein sehr streitbarer Mönch, er hatte jahrzehntelang gegen die Juden und die Hussiten gepredigt, jetzt kömpfte er gegen die Türkengefahr. Immerhin konnte er Mitstreiter für einen Kreuzzug gewinnen, und so den Kampf des ungarischen Kriegsherrn Johann Hunyadi kräftig unterstützen, durch den die Türken 1456 vor Belgrad eine schwere Niederlage erlitten (Hertel/Hülße, S.233, Anm. 1). 1478 erreichten die türkischen Truppen dennoch Kärnten und damit musste auch der Kaiser aktiv werden. 1480 wurden deshalb die Aufstellung eines Reichsheeres und eine entsprechende Türkensteuer beschlossen.

Inzwischen war dem Laienbischof Friedrich der Wittelsbacher Johann von Bayern als Erzbischof gefolgt. Dieser war im Vergleich zu seinen Vorgängern ungewöhnlich gebildet, er hatte in Bologna studiert und war zuvor zudem Bischof von Münster. Seine Amtszeit war relativ kurz. Ihm folgte 1476 ein ganz besonderer Laie, ein 12-jähriger Knabe, der als Erzbischof Ernst von Sachsen erst ab 1489 mit 25 Jahren sein Amt selbst ausüben konnte. Bis dahin war er lediglich Administrator des Erzstiftes und für ihn betrieben die sächsischen Fürsten zusammen mit dem Domkapitel eine konsequente Familien- und Standespolitik gegen die Städte. Nicht zufällig häuften sich die Konflikte zwischen Altstadt und Domfreiheit gerade in diesen Jahren zwischen 1476 und 1489. Nachdem der junge Mann das Ruder in die Hand genommen hatte, kam es zu langwierigen Verhandlungen mit dem Rat, um die vielen Konflikte wirklich dauerhaft und friedlich zu lösen.

Ernst von Sachsen starb 1513 im Alter von 50 Jahren wenige Jahre vor der Reformation. Sein Bruder Friedrich der Weise übernahm später als Kurfürst und als Luthers Beschützer eine Schlüsselrolle als Gegenspieler von Papst und Kaisers. Heine Alemann stand von 1455 bis 1499 im Zentrum dieser Konflikte, soweit diese Magdeburg betrafen. Sein Bruder Heinrich lebte ein paar Jahre länger bis 1506. Heines Sohn Hans übernahm 1498 als Bürgermeister die Stelle des Vaters an der Seite des gleichnamigen Onkels.

Es wäre ganz falsch, diese Auseinandersetzungen nur als lokales Phänomen zu betrachten. Denn in der damaligen Zeit kommt ja die zeitgenössische Weltgeschichte, in der Europa sich zum Herrn der Welt aufschwingt, erst richtig in Fahrt. Eine Welt, die ursprünglich im Lehnswesen und Ritterschaft gründete, wurde immer schneller zu einem Globus. Die Menschheit definierte sich so auch im allgemeinen Bewusstsein zunehmend als „eine Welt“. Bei der Suche nach neuen Seefahrtrouten zu den ältesten Reichen der Erde in China und Indien entdeckte die „Alte Welt“ eine ganz „Neue Welt“. Es entstanden – neben allen sonstigen Entdeckungen und Eroberungen – in rasantem Tempo weltumspannende Handelsimperien, von denen die Hanse in der hier zu besprechenden Zeit einen eher noch zaghaften Vorgeschmack gab. Die Erde wurde zum schrumpfenden Ball in einem expandierenden Universum. Die Menschenwelt wurde zu einem Raumschiff, auf dem Papst und Kaiser gleich Sternschnuppen zu verglühen drohten.

Wie eine gerade Linie schließt sich die Politik der Vereinigung der Kräfte von Stadt und Land in staatenbildenden Territorien an die alten Politik der „Bürgerburgen“ der Fernhändler, die sich neben ihren Hauptmärkten in der Nähe der Fürsten- und Bischofssitze etablierten, die nicht nur zur Keimzelle der modernen Großstadt, sondern auch zu einem Wurzelelement des Konstitutionalismus und der staatlichen Autonomiebestrebungen wurden. Aus den vier Nationen, nach denen sich die Pariser Universität (die englische die normannische, die pikardische und die gallische Nation) und das Konstanzer Konzil (Anglica, Italica, Germanica und Gallicana) analog zu den Himmelsrichtungen organisierten, wurden nach und nach auch innerhalb des „Heiligen Römischen Reiches“ die europäischen Nationalstaaten, die dann ihren Geist der ganzen Welt aufzuzwingen suchten.

Volkswirtschaften und Nationalstaaten übernahmen die Rolle der europäischen Städte des 11. –15. Jahrhunderts, die ja ihre Macht als Geld-, Handels- und Handwerkszentren gewonnen haben. In Venedig, Florenz, Antwerpen, Brüssel und Augsburg begannen die Kaufleute, Könige, Kaiser und Päpste zu finanzieren die in immer tiefere Abhängigkeit von den Geldmächten gerieten. Das Denken einer kühl kalkulierenden kommerziellen Vernunft setzte sich mehr und mehr durch. Seit der Jahrtau­send­wende drangen alte Schriften mit neuem Wissen und arabische Zahlen aus den warmen Gegenden Arabiens über Sizilien und Spanien in die europä­ischen Urwälder vor.

Aristoteles wälzte die Gedanken Welt des Frühmittelalters während des ganzen Hochmittelalters um, um im Spätmittelalter mit der Entdeckung der revolutionären Null in der arabischen Ziffernwelt mit der Mathematik und der Naturwissenschaft einen ganz neuen Raum zu öffnen, jenen Raum, in dem sich das Denken und Leben der Neuzeit dann erst entfalten konnte. Die via moderna entzweite die Klöster und die Mönche verließen barfuß die Wälder und das flache Land mit den Gutdomänen  und den Reichtümern der großen Abteien. Als Bettelmönche traten sie an die Seite der Kauf­leute und Bürger und wurden zu deren Seelsorgern und zu deren Lehrern. Universitäten lösten die Domschulen ab. Die ersten Professoren der neuen Universitäten schnell wachsender Städte waren eben diese Mönche, die die menschliche Vernunft und den göttlichen Geist miteinander versöhnen wollten.

Im Schatten dieser neuen, letztlich höchst revolutionären Kräfte spielten die Innungen, Gilden und Zünfte, die Städtebünde und die Hanse weiter ihre mittelalterlichen Rollen. So glich ihr späteres Schicksal dann auch dem der alten Ritter. Doch im Schutz der städtischen Privilegien und Monopole sammelte ein neuer, ein dritter Stand seine Kräfte. Unter den Namen „Bürger“ entstand im Schutz der „Burgen“ des Kaufmannskapitals das Doppelwesen von bourgeois und citoyen. Die ganze neuzeitliche Moderne ist so letztlich ein Kind des gewerbetreibenden Bürgertums der freien Städte des Mittelalters. Mitten hinein in diese brodelnde Zeit fällt der Beginn der politischen Laufbahn der Brüder Heine und Heinrich Alemann. Da beide in einem engen Zusammenhang zu behandeln sind, soll hier der Bericht über  Heine Alemann abgebrochen werden, um im Rahmen der Geschichte seines Bruders weitererzählt zu werden.