Heinrich Alemann

Heinrich Alemann (1425-1506)

Heinrich Alemann stiftete der Johanniskirche zu seinem Tode jenes Messstipendium, auf das sich heute die von Alemann’sche Stiftung beruft. Er wurde 1479 Stadtkämmerer und war ab 1483 bis zu seinem Tod siebenmal Bürgermeister. Während sein Bruder Heine als Schiedsrichter und zuletzt als Schultheiß die Rechte der Stadt verteidigte, war Heinrich eher der Diplomat, der durch Kredite und als Sendbote und Unterhändler den Kampf des Rates um die Stadtfreiheit und den Stadtfrieden beförderte. Heinrich unterzeichnete 1497 für den Rat jenen Vertrag, der dem jahrhundertelangen Streit mit dem Stadtherrn in wesentlichen Punkten ein Ende setzte.

Ratsherren und Schöffen: Heinrich, Brüder und Cousins

Heinrich Alemann wurde um 1425 herum geboren und starb in hohem Alter am 14. Februar 1506. 1447 war er Student in Erfurt. Sein Bruder Heine studierte im gleichen Jahr in Leipzig. Beide waren damals zwischen 20 und 30 Jahren.

Heinrich Alemann heiratete um 1460 die vermutlich wesentlich jüngere Katharina vom Kellere (geb. ca. 1440). Sieben Kinder aus dieser Ehe sind noch bekannt. Darunter Ludwig (1468-1543) und Ebeling (1483-1552), die in der Refomrationszeit wichtigen Rolle übernahmen. Heinrich wohnte im Hause des Großvaters am Johanniskirchhof, dem Artushof (Johannisbergstrasse 3), also mitten im Herzen der städtischen Politik, unmittelbar neben dem Rathaus.

Auf dem Alten Markt hörten seine Söhne 1453 die Predigten des Franziskaners Johannes Capistrano für einen Kreuzzug gegen die Türken und einer, Hans Alemann (1440-1515) ließ sich begeistern und folgte dem Aufruf. Es ist nicht überliefert, was Eltern und Brüder ihm mit auf dem Weg gaben. Er kämpfte bis 1464 auf dem Balkan, zuletzt als Hauptmann. Ein älterer Cousin (Ludwig Alemann (1415-1480)) hat es ihm gleich getan und ist sogar zum Kommandeur aufgestiegen, so der militärbegeisterte kuk-General Eberhard von Alemann in seiner Familiengeschichte aus dem Jahre 1912.

1464 geriet Hans Alemann in türkische Gefangenschaft. Erst 8 Jahre später – also gegen 1472 – kauften ihn seine Brüder frei. 1477 wurde er Schöffe und übte das Amt mindestens bis 1499, vielleicht bis 1415 aus. In einem Brief des Erzbischofs Ernst von Sachsen an den Rat wird er „den eldisten unter den schöpffen“ genannt. Der Brief enthält eine Beschwerde über den Bürgermeister Hans Alemann (1450-1512), Heines Sohn und Nachfolger und den Schöffen Hans, sowie drei andere Vertreter der Bürgerschaft. Von beiden Hänsen – dem alten Schöffe und dem jungen Bürgermeister – fühlten sich Domkapitel und Bischof hart beschimpft. Mit den Worte des Erzbischofs: „… von denen wir und die unseren unsere Ehre und Ansehen (glimpff) auf höchste berührend mit solcher Schäh und Beschimpfung (injurien) belästigt wurden …“(UB S. 654). Der alte Hans Alemann blieb vermutlich bis zu seinem Tode (zwischen 1507 und 1515) im Schöffenamt.

Das Leben seiner älteren Brüder Heine und Heinrich verlief bodenständiger: 1458 begann Heine eine Karriere als Kämmerer, 1479 wurde Heinrich Kämmerer – der Bruder Heine wurde Bürgermeister. Schon in der nächsten Amtsperiode übernahm Heinrich Alemann das Amt des 2. Bürgermeisters für jenes Jahr, in dem sein Bruder 1. Bürgermeisters im alten Rat war. 1495, als Heine Schultheiß wurde, übernahm dessen Sohn Hans (1493 Kämmerer, 1495-1507 Bürgermeister) die Position des Vaters.

Natürlich hatten alle eine gewisse juristische und theologische Ausbildung, zumindest für ein oder zwei Semester mussten sie studieren. Wichtiger waren aber sicher die Erfahrungen und Beziehungen von Eltern und Verwandten – insbesondere deren Kopialbücher, in die alle wichtigen Dokumente und Ereignisse zur eigenen Verwendung abgeschrieben wurden. Nur einer der damaligen Alemänner – der Schöffe Johann Alemann – besaß einen akademischen Grad und muss daher länger studiert haben. Er wird meist Baccalaurus, manchmal auch Doktor der Rechte genannt.

In der Zeit, von der wir hier berichten, saßen also zwei Ale­männer im Schöffengericht, zwei bis drei besetzten führende Ratsämter und zeitweise war auch das Schultheißenamt in ihrer Hand. Bei zwölf Schöffen, einem Schultheiß und 18 Ratsämtern im regierenden, alten und oberalten Rat (2 x 3 Bürgermeister plus 4 x 3 Kämmerer) muss die Familie in der Stadtpolitik massiv Einfluss genommen haben:

Ratsämter der Familie Alemann 1456-1515

Jahr Schöffe Kämmerer Bürgermeister Schultheiß
1456 Heinrich Alemann
1457 Heinrich Alemann
1458 Heinrich Alemann Heine Alemann
1459 Heinrich Alemann Ludwig Alemann
1460 Heinrich Alemann
1462 Ludwig Alemann
1464 Ludwig Alemann
1465 Ludwig Alemann Heine Alemann
1466 Ludwig Alemann
1467 Ludwig Alemann
1468 Ludwig Alemann Heine Alemann
1469 Ludwig Alemann
1470 Ludwig Alemann
1471 Ludwig Alemann Heine Alemann
1472 Ludwig Alemann
1473 Ludwig Alemann
1474 Ludwig Alemann Heine Alemann
1475 Ludwig Alemann
1476 Ludwig Alemann
1477 (Ludwig+)
Johann+Hans Alemann
Heine Alemann
1478 (Ludwig+)
Johann+Hans Alemann
1479 (Ludwig+)
Johann+Hans Alemann
Heinrich Alemann
1480 (Ludwig+)
Johann+Hans Alemann
Heine Alemann
1481 Johann+Hans Alemann
1482 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1483 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1484 Johann+Hans Alemann
1485 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1486 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1487 Johann+Hans Alemann
1488 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1489 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1490 Johann+Hans Alemann
1491 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1492 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1493 Johann+Hans Alemann Hans Alemann
1494 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann
1495 Johann+Hans Alemann Hans Alemann Heine Alemann
1496 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1497 Johann+Hans Alemann Heinrich Alemann Heine Alemann
1498 Johann+Hans Alemann Hans Alemann Heine Alemann
1499 Johann+Hans Alemann Heine Alemann
1500 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1501 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1502 Johann(+Hans Alemann)
1503 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1504 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1505 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1506 Johann(+Hans Alemann) Heinrich Alemann
1507 Johann(+Hans Alemann) Hans Alemann
1508 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1509 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann
1510 Johann(+Hans Alemann)
1511 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1512 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann
1513 Johann(+Hans Alemann)
1514 Johann(+Hans Alemann) Ludwig Alemann
1515 Johann(+Hans Alemann) Thomas Alemann

Heinrich als Kreditgeber und Diplomat

Heinrich war offensichtlich nicht derjenige, der Repräsentationsaufgaben erfüllte und das politische Alltagsgeschäft betrieb. Das war wohl mehr die Sache von Heine. Heinrich – vermutlich der jüngere von beiden – kümmerte sich wohl eher um das Finanzielle und um die Diplomatie. In diesen Funktionen taucht er öfter als seine Brüder in den Quellen auf – meist als Gläubiger und Kreditgeber, oft aber auch als Verhandler. Die Fürsten und Erzbischöfe der Region liehen sich beträchtliche Summen, die Heinrich teilweise allein, teilweise gemeinsam mit anderen Magdeburgern aufbrachte.

Das Prinzip des Rentenkaufs vermittels eines Betrages Geldes oder eines Gutes (Territorium, Dorf, Ertragsanteils von einem Acker etc.) war im Mittelalter sehr verbreitet. Offensichtlich kauften die Städte Renten bei den Fürsten mit Geld, dass sie von Kreditgebern erhielten, denen sie dann die Rente oder Teile davon (anstatt von Zinsen) weitergaben. Alle genannten Fürsten waren an den Verhandlungen mit der Stadt beteiligt und auch der Zeitpunkt passt in die Verhandlungsstrategie. Hans und Jakob Rohde waren in der Regel zu gleichen Teilen mit von der Partie.

Ratsämter der Familie Alemann, Rohde und Emden von 1490 – 1500

1490 Heinrich Rohde senior Kämmerer
1491 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1491 Heinrich Rohde Kämmerer
1492 Heine Alemann 1. Bürgermeister
1492 Hanß Rohde 2. Bürgermeister
1492 Köne Embden Kämmerer
1493 Heinrich Rode 2. Bürgermeister
1493 Hanß Alemann Junior Kämmerer
1494 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1494 Hans Rohde Kämmerer
1495 Heine Aleman 1. Bürgermeister
1495 Hanß Rode Kämmerer
1495 Köne Embden Kämmerer
1496 Heinrich Rode (de olde) 2. Bürgermeister
1497 Heinrich Aleman 2. Bürgermeister
1497 Thomas Rode Kämmerer
1498 Hanß Aleman 1. Bürgermeister
1499 Heinrich Rohde 2. Bürgermeister

Ich nehme an, dass – gemäß einer bis ins 19. Jahrhundert andauernden Tradition – die Lehnstücke von einem Senior für die ganze Familie verwaltet wurden. Es ist also möglich, dass dieses Familienvermögen auch zu den genannten Krediten herangezogen wurde. Es fällt immerhin auf, dass bei den anderen Familien häufiger mehrere Einzelpersonen aufgezählt werden, während für die Alemänner nur Heinrich zeichnete. Generell ist ja die Dauer der Präsenz der Familie im Rat der Stadt und in führende Positionen erstaunlich, was mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit auch mit der Art der Verwaltung und Handhabung ihres Vermögens begründet werden kann.

Gudrun Wittek, die sich intensiv mit den Rechtsverhältnissen in den sächsischen Städten im 14. und 15. Jahrhundert befasst hat, hebt die besondere Rolle Magdeburgs im Kampf um die Erringung eines stabilen Stadtfriedens besonders deutlich hervor. In diesem Kampf geht es um die Vermeidung von Krieg und Aufruhr – also gerade um das Fehlen von Helden, denen spektakuläre Niederlagen oder gar Hinrichtungen viel leichter einen Platz in der Geschichtsschreibung sicherten.

So hatte sich der Rat von Quedlinburg 1476 geweigert, den Eingriff der Äbtissin Hedwig in die Stadtpolitik zu akzeptieren. Hedwig war eine Schwester des Magdeburger Erzbischofs Ernst von Sachsen und des Herzogs Albrecht von Sachsen. 1477 belagerten die Brüder der Äbtissin die Stadt, nahmen sie ein, ließen die Ratsleute und Bürger, die in ihren Augen schuldig waren, hinrichten oder zumindest enteignen, verbrannten die Urkunden mit den alten Rechten der Stadt und unterbanden alle Beziehungen der Stadt zur Hanse und zu anderen Städten. Vor diesem Hintergrund will Gudrun Wittek das Wirken der Brüder Heine und Heinrich Alemann würdigen.

Heine Alemann, der 1477 erstmals Bürgermeister der Altstadt Magdeburg war, wird ja ganz sicher diesen Vorgang sehr genau beobachtet haben und in Magdeburg entschloss man sich, gegen Ansprüche und Eingriffe des Stadtherren lieber mit „beharrlicher, krämerischer Unnachgiebigkeit“ vorzugehen, nach der Art „zäh, aber unkriegerisch wider­stehender Kaufleute und Handwerker, denen die militärische Drohgebärde wichtiger war als der Sieg in der Schlacht“ (Wittek, S. 19).

Von der „großen Übereinkunft“ (concordia magna), der Gudrun Wittek den Rang einer Verfassungsurkunde zuweist, macht dann auch die Magdeburger Schöffenchronik nicht viel Aufhebens

„Im Jahre 1497 ist Bischof Ernst mit der Stadt nach vielem Streit vertragseinig geworden und die Stadt hat ihm 6.666 Gulden gegeben“ (vgl. Wittek, S. 17, Schöffenchronik S. 418).

Bei allem Stadthistorikern markiert dieser Vertrag den Abschluss einer Epoche, er eröffnet damit zugleich den Übergang zur Neuzeit, genauer: den Übergang vom Spätmittelalter zur Frühen Neuzeit.

Drei Dinge kamen hier zusammen:

1.
Es war einerseits der Charakter der Beteiligten – also eine gewisse Verhandlungs- und Einigungsbereitschaft sowohl von Seiten des Rates als auch von Seiten des Erzbischofs und des Domkapitels –

2.
andererseits die rechtliche Bildung der Entscheider und Verhandler, sowie die Routine aller Beteiligten in Verwaltungs- und Rechtsprechungsangelegenheiten – vor allem die Kunst der juristischen und politischen Argumentation, sowie die Fähigkeit, Verträge (einschließlich der in ihnen enthaltenen Kompromisse) zu schließen –

3.
und schließlich: das schwerwiegende Argument waren die mobilisierbaren Verteidigungs- und Kriegskräfte einerseits, sowie die verfügbare Geld- und Handelsmacht.

Heinrich Alemann hatte in diesem Spiel ganz offensichtlich viele Fäden in der Hand. Es fällt auf, dass die Kredite an den Erzbischof im Jahre 1490 beginnen, ein Jahr nachdem der 25-jährige Erzbischof sein Amt selbst in die Hand nahm und ein paar Jahre nach der arg verunglückten Abwehr des ersten Angriffs der erzbischöflichen Verwaltung auf die Rechte der Stadt im Jahr 1486.

Anlass all dieser Konflikte war die Erhebung einer Türkensteuer durch Kaiser Friedrich III. 1478 erreichten die türkischen Truppen Kärnten und 1480 wurde die Aufstellung eines Reichsheeres beschlossen, also auch die Erhebung einer „Türkensteuer“ bei den Fürsten und Städten des Reiches. Zunächst forderte der Kaiser diese Steuer direkt von der Altstadt (3.000 Gulden). 1481 erreichten die Vormünder und die Räte des 17-jährigen Erzbischofs aber das Recht, die Steuer gemeinsam mit dem erzstiftischen Teil der Steuer nach eigenen Regeln auch bei der Stadt zu erheben. Und die erzbischöfliche Verwaltung forderte von der Stadt 9.000 Gulden. Es war ein doppelter Affront.

Der Rat weigert sich an Ernst von Sachsen zu zahlen und wandte sich an den Kaiser, um weiterhin direkt an ihn die Steuern zu entrichten. Dieser forderte zunächst die Stadt auf, dem Stadtherren zu gehorchen, verlangte aber nach einer erneuten Intervention vom Erzbischof, sich über Schiedsrichter mit der Stadt zu vergleichen. Diese Aufforderung betraf obendrein eine ganze Reihe weiterer Punkte:

  • den Bau einer Stadtmauer,
  • einen Turm, den die Stadt ohne Zustimmung des Domkapitels hinter dem erzbischöflichen Palais errichtet hatte,
  • das Recht des Rates, den Schultheiß zu benennen,
  • die Gerichtsbarkeit auf dem Domplatz (Neuer Markt) zu Messenzeiten, etc.

Inzwischen war die türkische Bedrohung längst inaktuell und die Fürsten hatten die eingenommenen Steuern eigenen Zwecken gewidmet, was der Kaiser duldete. Die Stadt klagte beim kaiserlichen Reichsgericht wegen Unterschlagung der Reichssteuern gegen den Stadtherren. Ein Argument mehr für den Rat, nur dem Kaiser direkt Steuern zu geben. Damit lag ein Konflikt auf dem Tisch, der – wie auch immer – gelöst werden musste. Und dieser Konflikt betraf nicht nur Magdeburg. Denn überall rund herum im Lande drohten derartige Auseinandersetzungen in gewaltsame Kämpfe umzuschlagen, vom kleinen Scharmützel bis hin zum großen Krieg.

Es war daher sehr viel Diplomatie, aber auch sehr viel Härte und Stärke gefragt: Im September 1483 sorgten Heinrich Alemann und Jakob Rohde beim Städtetag in Lübeck für eine Bekräftigung des sächsischen Städtebundes im Kampf gegen die Ansprüche der Fürsten. Heine Alemann und Ulrich Tewes kämpften gleichzeitig am Hofe des Kaisers Friedrich III um Gehör. Sie erreichten immerhin die Einsetzung eines Vermittlers. In Magdeburg und Sachsen wütete im gleichen Jahr wieder einmal eine Pestepidemie. In Halle stand die erzbischöfliche Administration mit ihren Truppen vor der Stadt. Der Erzbischof fand Verbündete bei den zur Macht drängenden Innungen gegen einen Rat, der von den Salzsiedern beherrscht war. Ein typischer Konflikt für eine Stadt, die ihren inneren Frieden nicht gut organisiert hatte, die gewissermaßen noch in einer schlechten „Verfassung“ war, die daher keine Instrumente besaß, aufbrechende soziale Konflikte selbst aufzufangen. Der Preis, den die Innungen in Halle für ihren Sieg an der Seite der Stadtherren und Landesfürsten zahlten, war hoch: Austritt aus der Hanse und Verlust vieler Rechte, vor allem aber ein großes Loch in der Stadtmauer, in das die Sieger die Moritzburg bauten, den zukünftigen Sitz der Magdeburger Erzbischöfe – ähnlich wie im Herzogtum Braunschweig, wo Wolffenbüttel die Rolle der sicheren Residenzstadt übernahm.

Die hallensischen Innungen nahmen diese Entwicklung bewusst in Kauf, denn sie kannte ja die Gegenseite und ihre Aktionen kurz zuvor in Quedlinburg. Olaf Mörke hat in dem Tagungsbund von G. Wittek einige interessante Anmerkungen zu diesem „gewollten Weg zum Untertan“ gemacht. Er resümiert für Braunschweig. Lüneburg und Göttingen:

„Die Existenz des Bürgers als Territorialbürger, als Untertan des Fürsten, nur sekundär noch als Gleid eines städtisch zentrierten Geniossenschaftsverbandes, wurde – zumindest in deutlich erkennbaren Ansätzen – gelebt, ohne dass indes vor Ort solcher Wandel schon theotretischer Reflexion unterworfen worden wäre“. (S. 206)

In Halle sicherte so der Ratsmeister der Schuhmacherinnung Jacob Weissack den einfachen Sieg der Truppen des 14-jährigen Kirchenfürsten, indem er am 19. September 1478 um 13 Uhr nicht, wie vereinbart, die Glocke läuten und den Rat zusammenzurufen ließ, um diesen über sein Gespräch mit dem Erzbischof zu informieren. Weissack öffnete vielmehr ohne Warnung an den Rat das Ulrichstor für die Truppen des Erzbischofs (Wittek S. 177). 1484 besiegelte der Grundstein zur Moritzburg das Schicksal der Stadt als Bischofsresidenz.

Man sollte also den drei genannten Faktoren einen vierten hinzufügen:

4.
e innere Einigkeit der einander gegenüberstehenden Regime und die Abwesenheit von Zweitracht im Innern, die von der Gegenseite genutzt werden kann.

Magdeburgs Sonderweg: die „Große Übereinkunft (concordia magna)“
Magdeburg gehörte zu den Städten Europas, die sehr früh von den Innungen beherrscht wurden, und schon in den ersten Konflikten vor 1330 hatten die kleinen Innungen einen zumindest symbolischen Einfluss auf die Stadtpolitik erobert, da sie auch eigene Ratsleute benennen durften. Der innere Friede war damit weniger gefährdet.

Magdeburg war 1478 in Halle vor der Übergabe der Stadt durch eine der Ratsparteien mit einem Vertreter daran beteiligt, einen bewaffneten Konflikt mit dem Stadtherren im Namen der Hanse zu verhindern und der Parteienstreit war so scheinbar geschlichtet. Mit der Verwandlung von Halle in eine Territorialstadt wurde der Handlungsspielraum auch für Magdeburg enger. Die Hanse verlor zunehmend ihre Bedeutung als sichere und starke Stütze, denn zielsicher eliminierten die Domherren und die Wettiner weiter ihren Einfluss. Mit Halle und den sächsischen Städten verlor die Vorstadt der sächsischen Hanse ihre wichtigsten Verbündeten. Es blieb allein Braunschweig, doch das hatte gleichartige, also konkurrierende Interessen vor allem auf dem Gebiet des Getreidehandels, was die Freundschaft immer wieder brüchig machte (vgl. Petsch/Puhle, S. 132).

Daher hielt der Altstadtrat fest am Verhandlungskurs. Schon 1483 gab es einen Vertrags­entwurf. Er schrieb einen Status quo fest, wurde aber erst 1486 gültig. Die Stadt versprach, ihre Befestigungen in der Domfreiheit wieder zurückzubauen und 8.000 Gulden Türkensteuer in Raten zu zahlen. Ihr wurde im Gegenzug das Recht, den Schultheiß zu benennen wieder zugestanden. Wirksam wurde dieser Vergleich durch eine Erklärung des Erzbischofs. Es war also kein echter Vertrag. Keine der beiden Seiten mochte diesen einseitigen „Frieden“, der von der Gnade des Erzbischofs abhing. Auch die erzbischöf­liche Administration lehnte diesen „Vertrag“ im Grund genommen ab. Der Druck auf die Stadt war nach der Niederwerfung von Halberstadt durch eine 12.000 Mann-Armee aber bis an die Schmerzgrenze gewachsen. Es war nicht mehr daran zu denken, mit den sächsischen Hansestädten oder gar mit den Fürsten – wie wenige Jahrzehnte zuvor gegen den Erzbischof Günther – eine Gegenmacht aufzubauen. Und der Erzbischof wollte vermutlich endlich das Fass in Magdeburg endlich zu machen, um die Hände frei zu bekommen für die „Befriedung“ der anderen Städte und des flachen Landes. So zeichnete Ernst von Sachsen den Vertrag einseitig ab und verwandelte ihn so eine erzbischöfliche Weisung.

Offensichtlich war Magdeburg und auch die Hanse nicht mehr in der Lage und auch nicht Willens, Halberstadt zu helfen. Schon gar nicht galt dies für die Hansestädte Quedlinburg, Stendal, Tangermünde, Gardeleben, Havelberg, Seehausen, Osterburg, Werben in den folgenden Jahren, alles Hansestädte, die zwar nahe bei Magdeburg lagen, organisatorisch aber zu Lübeck gehörten. Wenn man allerdings bedenkt, dass von der Türkensteuer ein Heer von 15.000 Mann aufgestellt werden sollte – vor Halberstadt aber 12.000 Mann standen -, dann kann man recht leicht verstehen, dass die Magdeburger sich auf die Sicherung ihrer Stadtmauern konzentrierten und es vermieden, ihre Kräfte offenen Feldschlachten auszusetzen. So nahmen denn die Dinge ihren Lauf:

„Die blutige Niederschlagung der Bierzieseaufstände im Frühjahr 1488 leitete das Ende der Altmärkischen Hanseherrlichkeit ein. Nachdem der Kurfürst Johann Cicero die sich gegen die Biersteuer auflehnenden Städte im Handstreich bezwungen hatte, gehörte der Rückzug aus sämtlichen Bündnissen, auch aus der Hanse zu den ‚Friedensbedingungen’“
(aus: Der Altmärkische Hansebund, Broschüre des Altmärkischen Hansebundes, GS Stendal).

Schon im folgenden Jahr 1487 schraubte das Domkapitel die Forderungen wieder hoch und es lehnte nicht nur die Einsetzung des von der Stadt vorgeschlagenen Schultheißen ab – dieser war wohl absichtlich zurückgetreten, um die Zusagen des Domkapitels zu testen -, es forderte geradezu streitsüchtig die Bestätigung aller Bürgermeister, Ratsmänner und Schöffen durch den Erzbischof.

Der damalige Vermittler des Vertrages von 1486 – Albrecht von Sachsen, der Vetter des Erzbischofs – erhielt ein entsprechendes Schreiben des Domkapitels, das Albrecht aber wohl unbeantwortet ließ. Die Stadt selbst war nicht untätig und suchte Kontakt zum Kaiser und teste den Stadtherren, indem – wie beschrieben – der Schultheiß Heinrich Bode sein Amt niederlegte und die Schöffen seine Wiedereinsetzung beantragen ließ. Diese hatten zuvor offensichtlich auch ein Todesurteil gegen den Dieb verhängt, die nach Auffassung des Domkapitels in die Gerichtsbarkeit des Stadtherrn gehörten. Der Mann hatte einen Kohlkopf gestohlen. Es ging aber wohl weniger um das Urteil als um die Tatsache, dass Schultheiß und Schöffenstuhl dies in eigener Verantwortung taten.

Schon 1486 hatte die Stadt durch ihre Unterordnung unter das Angebot des Stadtherrn ihren Anspruch auf Reichsfreiheit im Grunde verloren gegeben. Sie akzeptierte den Vergleich still­schweigend, um zumindest praktische Autonomierechte wahren. Das scheint auch ein Signal für den jungen Erzbischof gewesen zu sein, der ab 1485 direkter in die Politik einschaltete. Er nahm zwar seine Ansprüche nicht zurück – im Gegenteil. Aber er widersetzte sich auch nicht länger dem förmlichen Verfahren eines Vergleichs. 1489 – schon mit 25, statt erst mit 29 – wurde er zum Erzbischof geweiht. Er vermied danach den militärischen Weg zur Durchsetzung der Ansprüche des Domkapitels und seiner fürstlichen Verwandten und stimmte 1494 schließlich doch der Einsetzung einer Schiedskommission zu, wie sie im Grunde nach 1481 schon vom Kaiser anempfohlen worden war. Am 13. November setzen Rat und Schöffen der Altstadt die notwendigen Vertreter ein:

Dr. Thomas Mauritius, den Syndicus der Altstadt, Claus Strom, Hans Ottersleben und Thomas Harckstro als Rechtsvertreter,

sowie den Abt Niclaus zur Zeynne, Hans Kotze, den Schultheiß Heinrich Sulze und Heine Alemann, damals Bürgermeister, als Schiedsrichter und Prokuratoren der Stadt.

Es folgt die Klageschrift der Stadt (6 Seiten), die Antwort des Erzbischof (15 Seiten), die Gegenrede der Stadt (13 Seiten), die Gegenrede des Erzbischof (19 Seiten) und dann am 21. Januar 1497 der Vertrag (gut 11 Seiten). Alles ist im Urkundenbuch nachzulesen. Es sind wohl die längsten zusammenhängenden Dokumente dieses Werkes.

Vertrag zum Stadtfrieden vom 21.1.1497, Landesarchiv Mdbg; nach Abb. in: Puhle, Hanse – Städte – Bünde, Magdeburg 1996, S.95

Die sechs Bürgermeister der Jahre 1494-1997 waren Jacob Bebende (Beuenter), Heinrich Aleman, Heine Aleman, Hanß Rode, Thomas Sulze, Heinrich Rode (de olde), Die Familien Rohde und Alemann bestimmten in dieser Zeit gemeinsam über große Strecken die Ratspolitik. Hans Rohde und Heine Alemann bildeten über die gesamte Amtszeit von Heine (1477, 1480, 1483, 1486, 1489, 1492, 1495) ein eingespieltes Tandem. uch hier zeigt sich – wie zuvor beim Zusammenspiel der Familien Alemann und Keller – das Prinzip der Stadtverwaltung, in der sich immer mehrere Kräfte zu einem „Kollektiv“ verbinden. Wir sind Frau Dr. Wittek sehr dankbar, dass sie uns auf die politische Bedeutung der Brüder Heine und Heinrich aufmerksam gemacht hat.Se hat in den 2005 neu herausgegebenen Tagungsband den beiden auch einen längeren Artikel gewidmet, der die detaillierte Schilderung der fürstlichen Vertreter der Schiedskommission sehr gut ergänzt.

Das uns überlassene Erbe: Heinrichs Messstipendium

Zu Heinrich Alemann ist abschließend anzumerken, dass er vor seinem Tode für sein Seelenheil eine Stiftung bei der Johanniskirche einrichten ließ, die – wie viele Stiftungen dieser Art – regelmäßige Messen und das gute Andenken der Stifter sichern sollte.

Schon viele andere Stadtbürger hatten ähnliche Stiftungen einrichten lassen, die zunächst ganz dem kirchlichen Leben dienten. 1506 starb Heinrich und die Stiftung wurde wirksam. Wie die Stiftung der 1516 verstorbenen Dompredigers Dr. Johannes Scheiring (Ziering) blieb die Heinrichs Stiftung bis heute lebendig. Nach dem ersten Weltkrieg verloren beide Stiftungen zwar ihr Kapital. Es klebte aber viel Geschichte an ihnen und so ist insbesondere die Zieringsche Stiftung reich an genealogischem Material. Diese Stiftung war von Anbeginn an eine Stipendienstiftung. Heinrich Alemanns Stiftung wurde erst durch seine Erben im ereignisreichen Jahr 1547 in ein Familienstipendium umgewandelt, ging dann nach dem Dreißigjährigen Krieg in die Hand der Erben von Otto von Guericke über, bis sie schließlich nach dem Aussterben der männlichen Erben Ende das 18. Jahrhunderts wieder zurück in die Hand der Familie Alemann fiel. Dieses Stipendium wäre der Erwähnung kaum wert, wenn sich die Familiengeschichte mit ihm nicht so eng verbunden hätte.

Leider sind die Akten dieses Stipendium dem Magdeburger Stadtarchiv im 2. Weltkrieg mit dem Alemann-Guericke-Archiv abhandengekommen. Durch Flucht und Vertreibung ist auch in der Familie viel Material verloren gegangen. Doch Reste des alemannschen „Gesamthandlehens“ (ein Garten- und ein Ackergrundstück) führten 1999 dazu, dass diese Tradition wieder aufgenommen wurde durch eine gemeinnützige Stiftung umgewandelt, in der Heinrich Alemanns Messstipendium in neuer Form weiterleben soll.

Quellenangaben:

Urkunden:
– Die Chroniken der niedersächsischen Städte – Magdeburg, erster Band, Stuttgart 1962, (Schöffenchronik), S. 418
– Urkundenbuch der Stadt Magdeburg, Band 3 bis 1455-1513, Aalen 1978, (UB), S. 499f, 501ff, 508ff, 525ff, 539ff, 602ff, 654
– Max Dittmar, Bürgermeister und Kämmerer der Stadt Magdeburg von 1213-1630; in: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg, 24. Jahrgang 1889,S. 135 ff.
– G. Hertel, Verzeichnis der Magdeburger Schultheißen, Schöffen und Ratsmänner; in: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg, 16. Jahrgang 1881, S.253 ff.

Stadtgeschichtsschreibung:
– Hertel/Hülße, Friedrich Wilhelm Hoffmanns Geschichte der Stadt Magdeburg – neu bearbeitet, Magdeburg 1885, (Hofmann)
– F.A. Wolter, Geschichte der Stadt Magdeburg, Magdeburg 1901, (Wolter)
– Helmut Asmus, 1200 Jahre Magdeburg, Magdeburg 2000,
– Peter Petsch/Matthias Puhle (Hrsg.), Magdeburg – Die Geschichte der Stadt, Dössel 2005, S.132ff
– Gudrun Wittek, Städtebundmitglied und landesherrliche Stadt – alternative mitteldeutsche Stadtfrieden an der Schwelle von Mittelalter und Neuzeit; in: Puhle(Hrsg.), Hanse – Städte – Bünde – – Die sächsischen Städte zwischen Elbe und Weser, Magdeburg 1996, S. 84 ff.
– Gudrun Wittek (Hrsg.), concordia magna – Der Magdeburger Stadtfrieden vom 21. Januar 1497, Frankfurt/M. 2006, S. 17, 177, 206 und das Buch insgesamt.

Genealogie:
ZMA. SH 3:Sippenverband Ziering-Moritz-Alemann, Heft Nr. 3, Berlin, Januar 1938 (im Internet unter www.z-m-a.de)
Eberhard von Alemann, Geschichte des Geschlechts von Alemann, Magdeburg 1909,
F.A. Wolter, Die Alemänner im Rath und im Schöffenstuhl der Stadt Magdeburg, in: Blätter für Handel, Gewerbe und sociales Leben – Beiblatt zur Magdeburgischen Zeitung, 43. Jahrgang, 1891, S. 163-165)