Persönliche Gedanken

Wozu Geschichte?

Gedanken zu den „Magdeburger Centurien“

Wappen von Ebeling Alemann im der Stadt Magdeburg gewidmeten 1. Band der Centurien

Wozu hat oder braucht man Geschichte?

Was bedeutet sie hier und jetzt in der Gegenwart?

Ich glaube, die Geschichte weitet die Gegenwart und löst sie von den Augenblicken, denen wir im Alltag ausgeliefert sind. Die Vergangenheit ist dauerhafter als der Augenblick. Sie stiftet Zeit-Räume, schafft Kontinuen, die flüchtigen Augenblicken im Bewußtsein einen Wohnort geben und Sinn stiften. Sie liefert mit den so gespeicherten Erlebnissen und Erfahrungen den Rohstoff für die Arbeit an ihrem Spiegelbild: an der Zukunft, einem berechneten oder erhofften, also einem rein spekulativen Wesen.

Beides zusammen ergibt Geschichte.

Im Nachdenken über die Zukunft wird die Vergangenheit „lebendig“ als Kraft, die das alltägliche Handeln und Verhalten prägt. Wer Ruhe und Stabilität liebt, mag von Tradition sprechen. Andere reden von Weltbildern oder vom Geschichtsbewußtsein.  Der Philosoph gibt ihm einen schlichteren Namen: er nennt es Zeit. Der „Zeit“ kann man kaum ausweichen. Sie ist ein „Schicksal“. Der Zeit als Geschichte nachzuspüren, kann helfen, mit dem „Geschick“, mit dem Dasein besser klar zu kommen.

Das Bild der Geschichte ist aber täglich neu zu zeichnen.

Es lebt aus der Aktualität und wird in ihr erlebt.  Nicht nur die „Zeitgeschichte“ ist „aktuell“. Geschichte insgesamt – als Gespür für die Zeit – ist von der Aktualität abhängig. Der Raum, in dem sie zum Teil des Alltagslebens wird, wächst mit der Menschheit und ihrem Wissen über eine gemeinsame universale Weltzeit, eine Weltgeschichte, deren Umfang und Reichtum immer unendlich bleiben wird.

Doch so wie Geschichte im Augenblick verschwindet, so tritt sie auch immer wieder plötzlich aus ihm heraus.

Zwei Ackergrundstücke führten mich so zurück in eine über 700-jährige Familiengeschichte und ich ging auf Spurensuche in der Stadt, wo sich der wichtigste Teil dieser Geschichte abgespielt hat. Dabei besuchte ich auch den Direktor der Magdeburger Bibliotheken, in dessen Arbeitszimmer gerade einige Centurien-Bände auf Inspektion warten. Sie gehörten wohl ganz sicher zu den Werten, um die sich die Stiftung kümmern sollte, weil ja ein Ebeling Alemann sie mit herausgegeben und finanziert hat.

Doch ich konnte damals mit ihnen wenig anfangen.

Das Thema war mir zu speziell und zu religiös.

Heute drängt sich das Thema Religion mit Gewalt wieder in die täglich spürbare „Zeitgeschichte“. Religiöse Fundamentalisten melden wieder einmal Herrschaftsansprüche an. War das nicht auch so vor dem Dreißigjährigen Krieg? Wie können wir als aufgeklärte Weltbürger Religionskriege heute vermeiden? Solche Fragen machten die Centurien für mich wieder interessanter. Sie sind mir jetzt wichtiger als all die anderen oft besprochenen Ereignisse im Magdeburg des 16. und 17. Jahrhunderts.

Ich habe mich daher sehr über die Einladung zu der Tagung vom 10/11.1.05 in Magdeburg gefreut. Der Bezug zum Fundamentalismus bleibt natürlich eine persönliche Assoziation. … und ich glaube fest daran, dass das Thema irgendwann einmal in einem geeigneten Forum vertieft werden kann.

Dietrich von Alemann

Bergisch Gladbach, 13.11.2005