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Zitate und Kommentare

Veränderung der Zeitwahrnehmung oder Geburt der Geschichte

Matthias Flacius, Initiator der Centurien und

Aus der Internetseite http://www.unbekannteswien.at/archiv/12-99/themen/8/text.htm

Während die meisten Menschen in Europa noch auf die Rückkehr Christi zu einem unbekannten Zeitpunkt warten und sich bis dahin in bußfertigem Leben üben, entwickelt sich im 16. Jahrhundert ein neues historisches und auch zeitliches Bewußtsein.

Mit dem zunehmenden Handel, vor allem ausgehend von Italien, gewinnt die Zeitmessung immer mehr an Bedeutung. In Zusammenhang damit steht auch die

Johannes Wigand, der Hauptautor der Centurien, sowie

Kalenderreform von 1582, die Papst Gregor XIII. durchführt.

 

Kurz zuvor wird 1559 im Zuge der Reformation erstmals die Geschichte in Jahrhunderte zusammengefaßt. Eine Gruppe lutherischer Gelehrter veröffentlicht unter dem Titel „Magdeburger Centurien“ in Basel den ersten Band einer Kirchengeschichte, die vor allem die Verderbtheit des Papsttums seit Christi Geburt zum Inhalt hat.

Als Antwort darauf beginnt der Bibliothekar des Vatikans Cesare Baronio die „Anales Ecclesiastices“ zu schreiben.

(Bildquellen:

– Flacius: Asmus, S. 484

– Baronio: angegebene Internetseite)

„Fundamentalistische“ Kirchenordnung in Magdeburg?

Aus: Helmut Asmus: 1200 Jahre Magdeburg

Cesare Baronio, Verfasser der katholische „Gegengeschichte“

Nikolaus Gallus und Matthias Vlacich (Flacius Illyricus) … unternahmen … den Versuch, kirchengeschichtlich nachzuweisen, daß sich in Luthers Werk der ursprüngliche christliche Glaube realisiert, Flacius … gewann Mitarbeiter aus vielen Gegenden Deutschlands. Zwischen 1559 und 1574 erschienen unter der Oberaufsicht der Magdeburger Alt-Bürgermeister Ebeling Alemann und Martin Köppe 13 Bände … Für jedes Jahrhundert (Centurium) war ein Band … Die „Magdeburger Centurien“ bilden die erste große … Kirchengeschichte aus evangelischer Sicht. Magdeburg galt … als Hochburg des streng rechtgläubigen Luthertums.

 

1554 wurde eine Ergänzung der Magdeburger Kirchenordnung beschlossen, die vorrangig dazu dienen sollte, in fundamentalistischer Auslegung der Bibel Disziplin, Zucht und Sitte aufzurichten und das Böse zu strafen. In der Altenstadt versammelten sich nicht nur … bedrohte oder verjagte Geistliche, sondern auch… herrschsüchtige und rechthaberische Theologen … Unter ihrem Einfluß zielte die neue Ordnung … auf eine Herrschaft der Priester … In Sünden steckende Ehebrecher, Schwängerer und Geschwängerte so wie in wilder Ehe Lebende sollten nach der Magdeburger Kirchenordnung wie Totschläger, Wucherer und Papisten behandelt und ihnen die Tauf-;, Ehe- und Sterbesakramente verweigert werden. Wer nicht regelmäßig das Abendmahlssakrament genommen hatte, sollte auf einem abgesonderten Platz des Friedhofs begraben werden.

Wappen von Johann Wigand, Hauptauthor der Centurien und
Mattheus Judix,
Wappenvon Martin Köppe, mit Ebeling gemeinsam im Rat der Stadt und im Centurienprojekt

(Bildquelle für alle Wappen: Asmus, S. 508f)

Historischer Kontext und Ziele des Centurienprojekts

Aus: Sabine Müller, Das Ketzerverständnis bei Sebastian Franck und Matthias Flacius Illyricus am Beispiel der Katharer “ Magisterarbeit, Gießen 1997

Im Internet entdeckt unter:

http://bibd.uni-giessen.de/ghtm/2000/uni/m000001a.htm

(Flacius studierte in Wittenberg bei Philipp Melanchton und war mit Luther eng verbunden. Als Kaiser Karl V vorläufige Regeln für die Katholiken und Protestanten (des Interim) erlies, kam Melanchton dem spanischen Habsburger in den Frage der Regeln für den Gottesdienst sehr entgegen. )

Für Flacius war es “ wider Gottes Wort das man also ein Spektakelmess anrichtet und mit dem Sacrament Affenspiel treibet.“ Daher war er von den Wittenbergern maßlos enttäuscht, die der politischen Lage mehr Rechnung trugen als ihrem Glauben:“ Duckmäusser die uns so meuchlings auf Spanisch die wahre Religion schwächen“.

(Darüber kam es zum Bruch zwischen Lehrer und Schüler. Flacius verlor sein Profesorenamt in Wittenberg und ging nach Magdeburg, wo er mit Flugschriften und mit wissenschaftlicher Arbeit den Kampf gegen das interim und die „Philipisten“ aufnahm.)

Die Entstehung der Kirchengeschichtswerke des Flacius fiel in die Zeit der Interimsstreitigkeiten vor dem Hintergrund der religiösen Konflikte einerseits mit der kaiserlich-katholischen Seite und andererseits mit den Anhängern Melanchthons. Die Interimsverhandlungen hatten Flacius die Notwendigkeit vor Augen geführt, den Vorwurf der Katholiken zu widerlegen, ihre Lehre sei alt, woraus sie ihren Anspruch auf Autorität ableiteten, während die neue lutherische Lehre mit der Tradition von Jahrhunderten breche.

Die reformatorische Kirche suchte in dieser Kontroverse um die wahre Kirche Christi ihre Legitimation in der Geschichte, um den Kernpunkt der gegnerischen Argumentation, die Berufung auf die Tradition, zu entkräften.

Mit seiner ersten kirchengeschichtlichen Arbeit, dem Catalogus testium veritatis (Liste der Wahrheitszeugen), wollte Flacius nun im Gegenzug beweisen, daß es schon vor Luther eine Kontinuität protestantischen Gedankenguts gegeben hatte, vertreten von den Wahrheitszeugen, die bis zu den Urchristen zurückreichten.

Im Vorwort kündigte Flacius programmatisch seine Absicht an, zu widerlegen, daß die katholische Kirche älter sei als die protestantische und daher die wahre Kirche sei:

„Sintemalen in diesem Buch der Länge nach angezeiget wird obwohl die päpstischen irrtümer weit eingerissen und so sehr Oberhand genommen, daß sich’s oft ansehen lasse (=daß es oft so erscheine, als),… es wäre schier kein rechter Christ mehr auf Erden, daß dennoch im Gott 7000 überbehalten, die ihre Knie nicht gebeuget für dem Antichrist zu Rom und mit ihrem Mund ihn nicht geküsset haben, sondern der wahren Lehre, die wir heutigen Tags in unsern Kirchen führen, anhängig gewesen und mit Mund bekennet… Dieweil dann in diesem Catalogus Testium veritatis genugsame Zeugnisse der Wahrheit wider das abgöttische und lügenhafte Papstum eingeführet worden, haben sich fromme Christen… auch hieraus zusehen auf was (für einem) faulen Grund das ganze Papstum stehe und zu mehrer Bestätigung ihres Glaubens wahrzunehmen, daß D. Martin Luther nicht aus Vorwitz oder Ehrgeiz, wie ihm fälschlich zugemessen wird, auch nicht zum ersten das Papstum gehasset und angefochten sondern daß sie ein christlicher guter Eifer und Liebe der Wahrheit dahin getrieben auch sonst die päpstischen Irrthümer von vielen gutherzigen Christen vor etlichen hundert Jahren seien angefeindet und widerleget worden.“