Vetternwirtschaft

Vetternwirtschaft gleich Ämterfilz?

Wenn man tagelang Texte abtippt, die wegen der alten Schrift leider nicht eingescannt werden können – und das haben wir bei der Liste der Ratsämter tun müssen!  –

… und wenn man immer wieder die gleichen Namen sieht, die nur verschieden und oft höchst merkwürdig geschrieben werden,

… und wenn man nicht in der Vergangenheit lebt, sondern in der heutigen Bundesrepublik Deutschland…

dann kommen einem schon so Gedanken wie: Das war ja ein nette Sippschaft!

Bei den Genealogiedaten zählt man als direkter Nachkomme schon manchmal seine Finger, weil doch ziemlich viel dafür spricht, dass es auch mehr als zehn sein könnten.

Das Leben in der Stadt Magdeburg war trotz weitläufiger Handelsbeziehungen, trotz der relativ hohen Bildung, trotz vieler Möglichkeiten, über den Gartenzaun und die Stadtmauern hinauszuschauen
in vielen Punkten recht provinziell.

Die alteingesessenen Patrizierfamilien waren jedenfalls untereinander eng verschwistert und verschwägert, so die Alemanns zum Beispiel mit den Gerickes.

Der Großvater von Jakob Alemann, Moritz Aleman (1506 – 1547) war ein Bruder der zweiten Frau von Hans Gericke, dem Vater von Otto von Guericke.

Die erste Frau von Otto von Guericke war die Tochter der Schwester von Johann Alemann. Und – um die Verwirrung komplett zu machen – der Schwiegervater von Otto von Guericke war wiederum Jakob Alemann.

Ähnliches läßt sich für die Familie Moritz zeigen.

Diese Verquickungen kann man endlos fortführen. Man fungierte wechselseitig als Vormund oder Mündel; nicht nur die Ämter, sondern auch Eigentum und Erbe gingen hin und her, blieben aber dennoch in den Familien. Dieses System hielt, wenn auch unter ganz anderen Vorzeichen, sogar Notsituationen stand.

Wenn wir die Liste der Bürgermeister und Kämmerer betrachten, so fallen andere Patrizierfamilien auf, die Ämter und Würden in gleicher Weise unter ihresgleichen zu verteilen pflegten, nur eben zu anderen Zeiten.

Im späten 16. und frühen 17. Jahrhundert ist die Präsenz der Patrizierfamilie Alemann an der Spitze der Stadt geradezu erdrückend. Nicht selten trugen zwei Bürgermeister und oft noch mindestens ein Kämmerer gleichzeitig den Namen Alemann.

Vorher bekleidete in der Regel maximal ein Familienmitglied einen Posten als Bürgermeister oder Kämmerer.

Die Liste führt aber keine Schöffen und Schultheiße auf, ganz zu schweigen von einfachen Ratsmitgliedern. Wir haben uns vorerst nur mit der Liste der Bürgermeister beschäftigt.

Diese Spitzenposten besetzten die Alemanns damals nahezu erblich – aus heutiger Sicht Konfliktpotential für den Unmut der Bevölkerung. Später sollte sich das ändern.

Kosteten neue Ideen und die Wirren des Krieges also das erbliche Amt, oder reagierte man nicht rechtzeitig und flexibel auf die neue Situation?

Wir Heutigen können nur spekulieren und die wenigen aus jener Zeit noch erhaltenen Zeugnisse an und in den verschiedenen Magdeburger Kirchen betrachten, waren sie doch auch Ausdruck besonderer Prestigebedürfnisse über den Tod hinaus.

Wie der Volksmund wusste:

  • Zu St. Ulrich die Reichen, zu St. Johannis die Gleichen;
  • zu Skt. Katharinen das Mittelgut, zu St. Jacob die Armut;
  • zu St. Peter die Fischer; zum Heiligen Geist die Tisch(l)er
Seitenkapelle des Erbbegräbnisses an der Johanniskirche (heute Guericke-Gedenkstätte)

Die meisten Familienmitglieder wurden an der Ulrichkirche beigesetzt, wo sich wohl die älteren Erbbegräbnisse befanden.

Die Alemannkapelle an der Johanniskirche wurde von Johann Martin eingerichtet – heute ist sie allerdings zerstört. Sie mag für damalige Zeit schon recht eindrucksvoll gewesen zu sein.

Der langjährige, reiche und mächtige Bürgermeister wollte an der Ratskirche begraben sein; das angestammte Familiengrab im Ulrich-Viertel der Reichen schien seinem Prestigedenken nicht mehr zu entsprechen. Zum anderen wäre ein ganz praktischer Aspekt denkbar: Vielleicht wollte er seiner Familie weite Wege ersparen?

Johann Martin wohnte nämlich am Alten Markt, direkt neben Rathaus und Ratskirche.